Advanced Tactics: Gold

advanced_tactics_goldDer niederländische Entwickler VR Designs und Matrixgames/Slitherine veröffentlichen mit Advanced Tactics: Gold den Nachfolger eines bewährten Titels, der  neben einem soliden Strategiespiel auch einen umfangreichen Szenarioeditor enthält.

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VR Designs ist eines dieser Ein-Mann-Entwicklungsstudios, die so typisch für den amerikanisch-irischen Publisher Matrixgames/Slitherine sind. Der Niederländer Victor Reijkersz gründete das Studio im Jahr 2008 und konnte  bislang mit Advanced Tactics: World War 2 und Decisive Campaigns: The Blitzkrieg from Warsaw  to Paris zwei beachtenswerte Strategietitel veröffentlichen.

 

Advanced Tactics Gold ist – der Name legt es bereits nahe – kein vollkommen neues Spiel. Die Ursprungsversion Advanced Tactics: WW2 wurde im Jahr 2007 veröffentlicht, wusste vor allem durch eine gute künstliche Intelligenz (KI) und einen guten Editor zu begeistern und verfügt trotz des mittlerweile fortgeschrittenen Alters immer noch über eine treue Fangemeinschaft. Die nun veröffentlichte Gold-Version soll eine grundlegende Überarbeitung der Spielengine darstellen und greift insbesondere viele Wünsche aus der Fangemeinschaft auf.

Die Gold-Version bringt keine wesentlichen Änderungen des Spielprinzips. Gespielt wird mit Einheitencountern auf einer Hexfeld-Karte in klassischer Rundenstrategie (IGOUGO). Obwohl ein Großteil der verfügbaren Szenarien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt sind, ist das Spiel nicht auf eine bestimmte historische Periode fixiert, denn der enthaltene Editor ermöglicht das Erstellen beliebiger Einheitentypen. Erfreulicherweise können Einheiten in beliebiger Reihenfolge Bewegungs- und Angriffsbefehle ausführen, sofern sie über ausreichende Aktionspunkte verfügen. Angriffe können von mehreren Einheiten gleichzeitig ausgeführt werden, wobei Angriffe, die aus mehreren Richtungen gleichzeitig vorgetragen werden, mit Boni belohnt werden. Auf der Karte befinden sich Produktionsstätten, in denen politische Einflusspunkte (werden z.B. für die Forschung gebraucht) und Ersatzeinheiten produziert werden können. Eine Besonderheit der Advanced Tactics Engine sind die Aktionskarten: der Spieler verfügt in manchen Szenarien über Aktionskarten, deren Aktivierung bestimmte Ereignisse in oder außer Kraft setzen kann (z.B. Produktionserhöhungen).

Obwohl die Kartendarstellung komplett überholt wurde, wirkt die grafische Darstellung immer noch sehr angestaubt. Während dies im Falle des Interfaces zu verschmerzen ist, weil die Spielfunktion durch Darstellung nicht beeinträchtigt wird, ist die spartanische Gestaltung der Counter schon etwas hinderlich. Anstatt Nato-Counter oder ähnlich differenzierte Counterkennzeichnungen zu verwenden, kommt eine Handvoll ikonisierter Einheitengrafiken zum Einsatz, die in der Regel nur erahnen lassen, wie sich eine Einheit zusammensetzt. Leider wird durch diese Grafiken auch wertvoller Platz verschenkt, der besser für die Darstellung von Einheitenwerten verwendet worden wäre. Besonders ärgerlich ist jedoch, dass sich die Einheitengrafiken in Abhängigkeit von der Truppenzusammensetzung ändern, d.h. wenn eine Einheit beispielsweise alle seine gepanzerten Einheiten verliert, verändert sich die Countergrafik. Dies ist inhaltlich vollkommen unplausibel – eine Panzerdivision wird durch den Verlust der gepanzerten Fahrzeuge nicht zur Infanteriedivision – und erschwert die Spielübersicht erheblich.

Die Bedienung des Spiels ist leider sehr umständlich. Einheiten können nicht per Drag & Drop bewegt werden, das Scroll-Rädchen der Maus bleibt ungenutzt und auch auf die Nutzung der rechten Maus-Taste wurde erstaunlicherweise nahezu komplett verzichtet, obwohl es eine erhebliche Vereinfachung des Spielflusses mit sich bringen würde, wenn diese für die Verwaltung kontextsensitiver Menüs verwendet würde. Stattdessen müssen weite Wege mit der Maus zurückgelegt werden, weil man  beispielsweise nach dem Anwählen einer Einheit immer erst zurück auf die Menüleiste muss, um die gewünschte Aktion  auszuwählen. Da alle Spielfunktionen auch per Tastatur-Shortcut anwählbar sind, kann man sich die Bedienung zumindest erleichtern, wenn man über die Geduld und Bereitschaft verfügt, diese Shortcuts zu memorieren.
 

Auch die Verwaltung von Nachschub und Ersatz verlangt besonderen Fleiß und erhebliche Gedächtnisleistungen. Jede neu produzierte Einheit muss von Hand aus den Hauptquartieren in die Kampfverbände verlegt werden. Anhänger des Micromanagements werden hieran zunächst sicher ihre Freude haben; für alle anderen wäre jedoch eine automatisierte Nachschub-Funktion angenehm gewesen. Da leider an keiner Stelle verzeichnet ist, welche Sollstärke oder Zusammensetzung eine Einheit hat, entpuppt sich das Wiederauffüllen der Einheiten als eine Gedächtnisaufgabe par excellence, die auch den Micromanagement-Anhängern auf Dauer lästig werden könnte. Dass sich – wie bereits erwähnt – die Countergrafiken in Abhängigkeit von der aktuellen Zusammensetzung des Verbandes ändern, erschwert diese Aufgabe zusätzlich.
 

Das 140-seitige Handbuch ist schnell gelesen, aber abgesehen von einer Erklärung des Spielinterface halten sich die nützlichen Tipps zum Spiel selbst in Grenzen. Insbesondere  verfestigt sich beim Lesen des Handbuches der Eindruck, dass der Schwerpunkt von Advanced Tactics Gold tatsächlich auf dem enthaltenen Szenario-Editor liegt, denn weite Teile erscheinen eher wie eine Anleitung zur Szenarienerstellung, während wesentliche Informationen zum Spiel selbst fehlen. So sucht man beispielsweise vergebens nach Hinweisen zur Zusammenstellung von Einheiten und diesbezüglicher Boni und Mali. Man kann daher nur raten, ob man seine Panzer eher allein auf die Reise schickt, oder doch besser ein paar Schützenzüge hinzufügt. Im Handbuch wird darauf hingewiesen, dass der Einstieg in das Spiel durch die Tutorials erleichtert würde. Dies ist leider eine arge Übertreibung, denn die Tutorial-Szenarien sind sehr kurz gehalten und erklären lediglich das Bewegen der Einheiten und das Ausführen eines Angriffes. Wichtige Fragen wie Nachschub-Produktion, das Aufstellen und Auffrischen von Einheiten oder die Nachschubregeln uvm. werden nicht thematisiert. Für das Absolvieren der Tutorials ist im Übrigen eine Internet-Verbindung notwendig, weil die entsprechenden Szenario-Beschreibungen nur dort zu finden sind. Aufgrund des lückenhaften Handbuches und der mangelhaften Tutorials ist man letztlich leider auf mühsames Lernen per Versuch und Irrtum angewiesen oder muss versuchen, die Antworten auf viele Fragen im Matrixgames-Forum zu finden.

Die Liste der Neuerungen in der Gold-Version sieht auf den ersten Blick beeindruckend lang aus; bei genauerer Betrachtung verflüchtigt sich dieser Eindruck jedoch. Bedeutsame Neuerungen finden sich vor allem im strategischen Bereich. So wurde mit der Einführung von Ölfeldern und Ressourcen-Lagerstätten der strategischen Nachschubsicherung eine neue Bedeutung verliehen. Des Weiteren können in Mehrspieler-Partien nun Allianzen geschlossen werden. Alliierte können sich gegenseitig Einheiten, Hexfelder und auch Forschungsergebnisse übergeben und profitieren auch von der Aufklärung durch Allianzmitglieder.

Ein wesentlicher Kritikpunkt ist jedoch, dass die KI mit der Gold-Version nur unwesentlich verbessert wurde. Zwar fühlt sich die KI laut Aussage des Entwicklers aufgrund einiger kleiner Änderungen und Optimierungen ein wenig besser an und ist auch schneller als in den früheren Versionen, aber auf eine grundlegende Überarbeitung wurde leider verzichtet. Dies führt dazu, dass die KI einige neue Funktionen der Gold-Version gar nicht nutzen kann (z.B. Flugzeugträger). Es mutet in diesem Kontext übrigens etwas seltsam an, dass der Entwickler im Handbuch offen ausführt, dass er die zusätzliche Entwicklungszeit von ca. 6 Monaten für die Überarbeitung der KI gescheut hat und diese Aufgabe daher für eine spätere Advanced Tactics Version aufgeschoben hat.

In Ermangelung neuer Szenarien in der Gold-Version wird im Handbuch auf die durchaus umfangreiche Szenariodatenbank verwiesen, in der freiwillige Szenario-Entwickler ihre Schöpfungen zum Download bereitstellen können. Leider gibt es dort bislang nur recht wenige Szenarien, die die neuen Möglichkeiten der Gold-Version ausnutzen und von diesen können  nur einige im Einzelspiel gegen die KI gespielt werden. Daher sollten Spieler, die vorwiegend gegen die KI spielen, vor dem Kauf überprüfen, ob die Szenariodatenbank ausreichend Szenarien nach ihrem Geschmack bietet. Da im Spiel ein Zufallskarten-Generator enthalten ist, können zumindest Spieler, die weniger Wert auf historisch korrekte Szenarien legen, aus dem Vollen schöpfen.

Advanced Tactics Gold ist trotz der hier erwähnten Kritikpunkte ein solides Spiel. Wer sich mit der umständlichen Bedienung und den Mängeln in der grafischen Darstellung abgefunden, das manuelle Auffüllen der Einheiten nicht scheut und in der Datenbank ein Szenario nach dem eigenen Geschmack finden konnte, wird mit einem unterhaltsamen Spielerlebnis mit ausreichend strategischem Tiefgang belohnt. Allerdings liegt das nicht an den Änderungen der Gold-Version, sondern an der schon zuvor hohen Qualität des Vorgängers Advanced Tactics WW2. Insofern fällt der Preisnachlass für Besitzer des Vorgängers  mit 15$ etwas gering aus, denn im Grunde ist die Gold-Version nicht mehr als ein sehr umfangreicher Patch. Eine Besonderheit der Matrixgames-Kunden ist jedoch, dass viele Fans der Serie den Preis trotzdem gern zahlen werden, weil sie auf diese Weise den Entwickler unterstützen und sich für dessen Support bedanken können.

 

 

Systemvoraussetzungen

  • Betriebssystem: XP; Vista, Windows 7
  • CPU: 1.5 GHz, empfohlen: 2 GHz
  • RAM: 1.5 GB, empfohlen: 2 GB
  • Festplatte: 500 MB, empfohlen 1 GB

 

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Post Author: monty_fzpbwyem

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