Achtung Panzer: Operation Star

81ce86fc8d0b2b4c68a4c78c224ef565Der für Panzersimulationen bekannte ukrainische Entwickler Graviteam konnte in jüngerer Zeit in das Segment der historischen Strategiespiele vordringen und dort mit „Achtung Panzer: Kharkov 1943“ einen Erfolg verbuchen. Der Nachfolger von „Kharkov“ hört auf den Namen „Achtung Panzer: Operation Star“ und ist inzwischen auch über Publisher Matrix Games erhältlich. Grund genug für uns, den aktuellen Titel der Osteuropäer unter die Lupe zu nehmen.

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 „Achtung Panzer: Operation Star“ (APOS) beschäftigt sich mit der Ostfront des Zweiten Weltkriegs. Genauer gesagt geht es um eine als „Operation Stern“ bezeichnete sowjetische Offensive, die im Februar 1943 zur Rückeroberung von Kursk, Charkow und Belgorod durch die Rote Armee führte. Dieses Unternehmen mündete im März desselben Jahres in die dritte Schlacht bei Charkow. Auf diese Weise entstand schließlich der Frontbogen bei Kursk, der im Sommer 1943 zum Gegenstand der berüchtigten deutschen „Operation Zitadelle“ wurde.

Wie schon beim Vorgänger ist das Spielsystem von APOS gewissermaßen zweigeteilt: Auf einer in Sektoren gegliederten Übersichtskarte des Operationsgebietes bewegen wir zunächst unsere Einheiten. Dann ist der Gegner an der Reihe. Stoßen wir infolge der ausgeführten Manöver auf Feindverbände, kommt es in einer detaillierten 3D-Ansicht des entsprechenden Kartenausschnitts zum Echtzeit-Gefecht, bei dem wir Infanterietrupps sowie einzelne Fahrzeuge und Geschütze kommandieren. Sind alle Schlachten einer Runde geschlagen, beginnt auf der Planungskarte der nächste Spielzug. Um es vorweg zu sagen: Diese am ehesten an „Close Combat“ erinnernde Kombination von Runden-Strategie und Echtzeit-Taktik ist recht gut gelungen und macht den erheblichen Reiz von APOS aus.

Bevor wir uns den Einzelheiten zuwenden, wollen wir einen Blick auf den gelieferten Inhalt werfen. Die besagte „Operation Star“ besteht aus drei Szenarien. Darüber hinaus gibt es noch fünf weitere Szenarien, die jeweils militärische Ereignisse im Zusammenhang der Schlacht von Charkow behandeln. Der Umfang der im Spiel auch „Kampagnen“ genannten Module beträgt zwischen fünf und zehn operativen Runden. Das scheint auf den ersten Blick wenig zu sein. Man muß allerdings bedenken, daß einerseits meist mehrere Gefechte pro Runde auszuführen sind, andererseits ein Gefecht je nach Verlauf und gewählter Einstellung bis zu zwei Stunden realer Zeit in Anspruch nehmen kann.

Eine Mehrspieler-Option wird nicht geboten. APOS wendet sich somit vornehmlich an Solisten, die am liebsten gegen die KI antreten. Leider läßt sich dabei die Partei nicht frei auswählen. So sind fünf Szenarien für die russische Seite vorgesehen, und nur in dreien darf man die Geschicke der Wehrmacht lenken. Auf eine Tutorial-Mission wurde ebenfalls verzichtet. Auf der Habenseite zu verbuchen ist hingegen der leicht zu handhabende und eine Reihe an Möglichkeiten bietende Editor für Schnellgefechte.

Außerdem offeriert APOS ein Tool zum Erstellen eigener operativer Szenarien. Ein solches Unterfangen ist jedoch nicht ganz unkompliziert und sollte erst nach Lektüre der hierfür vorgesehenen separaten Anleitung in Angriff genommen werden. Eine weitere nette Dreingabe ist die Waffen-Enzyklopädie: Hier kann man das im Spiel auftauchende Kriegsgerät in Form von 3D-Modellen bewundern, allerlei technische Daten einsehen und auch Leistungsvergleiche zwischen verschiedenen Waffensystemen anstellen.

Betrachten wir nun zunächst den operativen Modus: Jede Kachel auf der topographisch gestalteten Planungskarte steht für ein Gebiet von einem Quadratkilometer Größe. Entsprechend markierte Geländeabschnitte beinhalten eine strategisch bedeutsame Schlüsselposition, für deren Besitz wir Siegpunkte erhalten. Die zu bewegenden Einheiten repräsentieren zwar größere Verbände wie Divisionen oder Brigaden, werden aber auf Zugebene dargestellt und bestehen in der Regel aus mehreren Trupps. Hierbei sind alle erdenklichen historischen Waffengattungen vertreten: Infanterie, Geschütze, Panzer, Halbkettenfahrzeuge oder MG- und Granatwerfer-Abteilungen, um nur einige aufzuzählen.

Das Marschtempo hängt sowohl von der Ausrüstung als auch von den Eigenschaften des Terrains ab. Außerdem ist zu beachten, daß in der Bewegung nicht nur Sprit verbraucht wird, sondern auch der allgemeine Bereitschaftsgrad absinkt. Einheiten, die ihre Position mindestens eine Runde lang nicht verlassen haben, gelten als eingegraben und dürfen ein taktisches Gefecht in verschanztem Zustand beginnen.

 

Neben den regulären Fronteinheiten gibt es außerdem stationäre Depots sowie auf der Karte verschiebbare Nachschubkolonnen, die mittels LKW Einheiten innerhalb eines gewissen Radius mit Munition und Treibstoff versorgen können. Gelegentlich vorhandene Transportflugzeuge lassen sich einmalig verwenden, um in der Nähe von Brennpunkten ein Nachschublager einzurichten. Zu den Spezialeinheiten gehören auch Reparaturtrupps zur Instandsetzung beschädigter Fahrzeuge und aus Rekruten bestehendes Ersatzpersonal. Letzteres ist zwar noch grün hinter den Ohren, stellt aber die einzige Möglichkeit dar, angeschlagene Verbände wieder auf Sollstärke zu bringen.

Schließlich bietet der operative Modus auch einige wenige Optionen in punkto Armee-Management. So darf ich zu Beginn eines Szenarios einzelne Trupps aus ihrer Stammeinheit lösen und der Reserve zuweisen oder Prioritäten bei der Zuteilung von Ersatz festlegen. Reserven erhält der Spieler auch in Form kompletter Einheiten. Diese sind zwar immer auf der Planungskarte sichtbar, werden aber erst zu einem bestimmten Zeitpunkt im Spiel freigeschaltet. Ebenfalls erwähnenswert sind die recht ausführlichen Statistiken, die mir Einblick in allerlei Details zu den bisherigen Verlusten und zum Zustand jedes einzelnen Trupps gewähren.

Kommen wir nun zum eigentlichen Herzstück des Spiels, nämlich zum taktischen Modus! Letzterer funktioniert ähnlich wie im vergleichbaren Konkurrenztitel „Combat Mission Normandy“. Wir platzieren zunächst unsere Trupps innerhalb der Aufstellungszone, wobei mögliche Geländevorteile zu berücksichtigen sind, geben erste Befehle und eröffnen dann das Echtzeit-Spektakel, indem wir die Stoppuhr auslösen. Diese läßt sich übrigens jederzeit anhalten, um auch in der Hitze des Gefechts in aller Ruhe Anweisungen erteilen zu können. Was die Aufstellungsphase angeht, ist eine Besonderheit zu vermerken: Die Farbcodierung der zur Platzierung vorgesehenen Zellen gibt uns Auskunft über Tarnungs- und Verschanzungswert, was insbesondere dann praktisch ist, wenn wir uns in der Defensive befinden.

Zur Steuerung von Mannschaft und Gerät bietet APOS eine ganze Reihe an Befehlen und entsprechenden Abstufungen. So hat man beispielsweise hinsichtlich der Bewegung die Wahl, ob Einheiten entlang von Straßen marschieren, schnell und ohne Rücksicht auf Deckung vorstürmen oder sich doch lieber vorsichtig und unter Ausnutzung des Terrains vortasten sollen. Dazu gibt es eine Vielzahl miteinander kombinierbarer Modifikationen. Auf diese Weise bestimme ich etwa bei einem Angriffsbefehl zugleich die Formation, die Tiefe der Staffelung oder die Dichte, in der die Männer und Fahrzeuge beieinander zu bleiben haben. Alternativ dazu ist es möglich, über ein Pop-Up-Menü einfach Schnellbefehle zu erteilen, bei denen das Set der Feinabstimmungen bereits standardmäßig vorkonfiguriert ist.

In Schlachten ist es relativ häufig der Fall, daß auch Verbände aus benachbarten Regionen teilnehmen können. Die Gefechtskarten sind daher meist ziemlich groß und umfassen nicht nur den Standort der primär attackierenden oder verteidigenden Einheit. Zur besseren Kontrolle haben die Entwickler eine bildschirmfüllende Übersichtskarte implementiert, deren häufige Nutzung zu empfehlen ist. Praktischerweise lassen sich in dieser Ansicht nicht nur alle Befehle erteilen, sondern auch alle Manöver verfolgen. Zudem bietet die taktische Übersichtskarte interessante Informationen, da hier Feindsichtungen mit Uhrzeit sowie mit vermuteter Stoßrichtung und Bewaffnung angezeigt werden. Sind wir dem Gegner nahe genug, ist sogar die Bewegung einzelner Soldaten erkennbar.

Auch für die Planung von Artillerieschlägen ist die Übersichtskarte gut zu gebrauchen. APOS erlaubt indirektes Feuer durch Off-Map-Batterien, aber ebenso durch Geschütze und Granatwerfer, die sich als steuerbare Einheiten auf der Karte befinden. Hierbei ist es möglich, bis zu drei Zielgebiete zu definieren sowie die Intensität des Feuers zu justieren. Außerdem stehen unterschiedliche Projektile zur Verfügung: normale Explosivgeschosse, Rauchbomben und schließlich Leuchtspur-Munition, die jedoch nur in Nachtgefechten zum Einsatz kommt. Die Zielzuweisung wird vom Batterie-Chef, dem ranghöchsten Offizier oder von einem speziellen Artilleriebeobachter vorgenommen, wobei dessen Erfahrung, die Geschützklasse und die Entfernung vom Ziel bei der Berechnung von Zeitverzögerung und Treffergenauigkeit eine Rolle spielen. Zudem gibt es noch Luftbeobachter, die als einzige in der Lage sind, Jagdbomber oder taktische Bomber als Unterstützung anzufordern. Dabei muß man allerdings früh genug handeln, denn Flugzeuge brauchen manchmal eine halbe Stunde, bis sie das Schlachtfeld erreichen.

Schon das bisher Gesagte dürfte andeuten, daß der Detailgrad von APOS durchaus befriedigend ist. Entsprechend sind etliche Parameter, wie etwa Erfahrung, Moral, körperliche Verfassung oder Mannstärke eines Trupps, für die Performance der Einheiten im Getümmel verantwortlich. Nicht zu vernachlässigen ist hierbei die Bedeutung der Offiziere, die sowohl über einen Kommandoradius als auch über einen individuellen Kommandowert verfügen. Je höher der letztere, desto weniger anfällig sind die Männer für Panik, Flucht und Aufgabe. Selbstredend setzt APOS beim Schadensmodell sowie bei der Kalkulation von Sicht- und Feuerlinien klar auf Realismus und historische Authentizität.

Gebe ich aufgrund starker Verluste den Kampf verloren, wird die Truppe zerrüttet und nach der Rückkehr in den operativen Modus automatisch in ein benachbartes Planquadrat zurückgezogen. Gleiches geschieht derjenigen Seite, die nach Ablauf der Gefechtszeit keine der als Zielflaggen dargestellten Schlüsselpositionen mehr ihr eigen nennt. Ebenso kann ein Waffenstillstand zur Einstellung der Feindseligkeiten führen, sofern der Gegner auf ein entsprechendes Angebot eingeht. Übrigens bietet APOS auch nach geschlagener Schlacht reichlich Futter für den Statistiker. Der besondere Clou: Wer will, kann anhand eines peniblen Trefferbildes sogar die Einschüsse an den Fahrzeugen analysieren.

Apropos Gefechtszeit: Diese beträgt je nach gewählter Option 30 Minuten, eine Stunde oder gar – wie schon erwähnt – zwei Stunden. Allerdings stellt sich zuweilen ein gewisser Leerlauf ein. So kann es vorkommen, daß die KI-gesteuerten Truppen sich auch dann eine ganze Weile nicht blicken lassen, wenn sie einen Angriff vortragen. Zwar ist es möglich, die Spielgeschwindigkeit in sechs Stufen zu erhöhen, jedoch funktioniert dieses Feature nur bei eingeblendeter Übersichtskarte.

Eine Stärke von APOS ist sicherlich die grafische Präsentation der taktischen Kämpfe. Nicht nur die dreidimensionale Gestaltung des Terrains sowie der Soldaten und Fahrzeuge ist sehr gut gelungen. Das Programm zeigt auch darüber hinaus enorm viele Einzelheiten und beeindruckt zudem mit einer filmreif zu nennenden Inszenierung des Geschehens. Selten hat ein Spiel eine derart dichte Schlachtfeld-Atmosphäre erzeugt. So macht es einfach Spaß zuzusehen, wie ein in Stellung liegendes schweres Maschinengewehr gegnerische Attacken pariert, eine Geschütz-Abteilung im Handgemenge überrannt wird oder wagemutige Infanteristen einen Feindpanzer aus kürzester Distanz mit Handgranaten bekämpfen. Es kann sogar passieren, daß sich die Besatzung eines beschädigten Fahrzeugs bei der Schnellreparatur auf dem Gefechtsfeld beobachten läßt. Abgerundet wird das Ganze durch stimmige Soundeffekte.

Die optische Pracht hat natürlich ihren Preis. Für ein historisches Strategiespiel sind die Hardwareanforderungen daher relativ hoch. Wer alle Details genießen will, sollte über eine Grafikkarte neueren Typs mit mindestens 512 MB Speicher und eine ausreichend leistungsfähige CPU verfügen. Auf meinem etwas betagten Testrechner (Dual Core-Prozessor, 2 GB RAM, 256 MB-Grafikkarte) konnte APOS hingegen nur mit mittleren Einstellungen ruckelfrei betrieben werden, sah aber selbst dort immer noch gut aus.

Zum Schluß sollen einige Kritikpunkte nicht verschwiegen werden. An erster Stelle steht hierbei das durchweg klobige und etwas umständlich zu bedienende Interface, das dem Spiel eine eigentümliche Sperrigkeit verleiht. Nach einer gewissen Einarbeitungszeit kann man sich allerdings daran gewöhnen. Mehr noch ärgert die lückenhafte Dokumentation: Es gibt kein zusammenhängendes Handbuch, das alle Aspekte der Spielmechanik befriedigend erklären würde. Stattdessen sieht sich der geneigte Spieler mit drei einzelnen PDF-Dateien konfrontiert, von denen die eine lediglich die Steuerung erläutert, während es sich bei der zweiten um eine rudimentäre, hauptsächlich aus Screenshots bestehende Schnellstart-Anleitung handelt. Drittens wäre da noch ein Taktikführer, der bezüglich der Informationsdichte ein echtes Handbuch nicht ersetzen kann. So werden etliche Dinge, zum Beispiel einige Vorgänge im rundenbasierten Spielmodus, erst gar nicht erwähnt.

Des weiteren ist mir im Testverlauf ein unangenehmer Bug untergekommen: Ändert man die über das Hauptmenü erreichbaren (und ebenfalls nicht dokumentierten) Optionen, so verschwindet unter mysteriösen Umständen der aktuelle Spielstand. Da APOS aber keine Slots zum freien Speichern kennt, sondern nur ein einziges Savegame pro Spielerprofil zuläßt, findet dadurch die laufende Kampagne ihr jähes Ende. Dieses Problem wird hoffentlich durch einen künftigen Patch beseitigt. Alle bisherigen Updates sind übrigens in der von Matrix Games vertriebenen Version bereits enthalten.

Noch ein Wort zur künstlichen Intelligenz des Programms: Die KI neigt zwar gelegentlich zu verlustreichen Frontalangriffen über freies Gelände, steht aber insgesamt betrachtet durchaus ihren Mann. Dies zeigt sich unter anderem daran, daß sie ihre Truppen oft recht geschickt an unvermuteter Stelle postiert, um dem menschlichen Spieler eine böse Überraschung zu bereiten. Auf alle Fälle sollte man stets auf der Hut sein und die Lage genau aufklären, denn ungestümes Vorgehen kann sehr leicht in einem Debakel enden.

 

 

 

Systemvoraussetzungen

  • Windows XP, Vista, 7
  • 3 GHz-Prozessor
  • 256 MB-Grafikkarte
  • 1 GB RAM
  • 2,6 GB freier Festplattenspeicher

 

 

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