Decisive Campaigns: Barbarossa

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Nachdem nun der Wintereinbruch der letzten Tage auch die letzten Offensivtätigkeiten zum Erliegen gebracht hat, möchten wir euch ein paar Neuigkeiten von der Ostfront senden. Ihr erinnert Euch: pünktlich zur Vorweihnachtszeit – oder auch zum Weihnachtsgeschäft – ist das angekündigte Decisive Campaigns: Barbarossa erschienen

 

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Im November konnten wir in einem Preview einen ersten Blick erhaschen, nur um uns dann rasch wieder den gerade laufenden Tests zuzuwenden. Die Erwartungen aus diesem ersten Eindruck waren hoch – ließ doch bereits der rasche Blick erahnen, dass hier ein ungewöhnlicher Titel entstanden ist.

Werfen wir zunächst mal einen Blick auf das Paket, was uns erwartet. Selbstverständlich können Puristen den Gamekey abgreifen und das an und für sich bereits großartige Handbuch als PDF-Dokument studieren. Man sollte sich jedoch bewusst werden, dass Matrix für Barbarossa ein wirklich großartiges Handbuch im Hardcover anbietet. Das erste Mal wurde dieser Service bei WitW geboten. In Zeiten nahezu leerer DVD-Cases ein wirklich bemerkenswerter Lieferumfang.

Wer sich übrigens ärgern sollte, dass er auf das Handbuch zunächst verzichtet hat: man kann die digitale Version im Matrixshop auf die Boxed Edition „aufrüsten“. Genug der vielen Worte – hübsch verpackt und präsentiert ist Barbarossa ohne Zweifel. Aber was steckt denn nun unter der Haube?

Zunächst hat bereits unser Preview einiges enthüllt: DCB simuliert in erster Linie den Generalstab des Heeres. Der Spieler nimmt quasi die Rolle des Stabschefs Generaloberst Franz Halder ein und muss zusehen, wie er mit den anderen Akteuren klar kommt. Das Verhältnis zu den Heeresgruppenkommandeuren, der Luftwaffe und auch zu den Logistikern kann schwerwiegende Auswirkungen auf den Verlauf der Operationen haben. Wer allzu sehr auf die straßengebundene Versorgung setzt, wird bald merken, dass die Eisenbahner ein gewaltiges Rad drehen, bzw. Unmengen Material transportieren könnten – wenn man es sich mit ihnen nicht verscherzt hätte. Ebenso muss man zusehen, wieviel Einfluss die Politik auf den Ostfeldzug nimmt. DCB ist eines der wenigen Spiele, das dem Spieler auch moralische Entscheidungen abverlangt. Sollen alle Kriegsregeln eingehalten werden? Wie wird mit Partisanen umgegangen? Wird der Ostfeldzug das was er historisch war – ein gnadenloser Feldzug? Nicht dass Krieg in irgendeiner Weise positiv besetzt wäre; für den deutschsprachigen Raum ist die Option, die Genfer Konventionen einzuhalten doch eine sehr gewöhnungsbedürftige Auswahl in einem Strategiespiel. Gleichwohl gehört für eine Simulation mit dem Anspruch von DCB diese Option dazu – der Stab soll mit „Leben“ erfüllt werden. In anderen Titeln ist der Spieler Oberkommandierender, Stabschef, Luftwaffenchef und Quartiermeister in einem – ja er weißt sogar den Brigaden und Regimentern ihre Angriffsräume zu. Letzteres ist in DCB nicht viel anders, aber der Spieler ist gefordert, die Zusammenarbeit des Stabes zu bedenken, um eine tragfähige Strategie zu entwickeln.

Auch im taktischen Einsatz der Kräfte hat der Spieler noch einige Einflussmöglichkeiten. Das Spiel bietet die Option von „Karten“, die einer Operation zusätzliche Eigenschaften verleihen. So kann beispielsweise die Aufstellung diverser Einheiten auf totale Offensive und den allgemeinen Vormarsch ausgerichtet werden – dumm, wenn man dann durch einen beherzten Gegenangriff aus dem Konzept kommt. Oder aber der Spieler rückt langsamer und bedächtiger vor, um nicht in einem ungünstigen Moment hart getroffen zu werden. Ebenso kann in einem entscheidenden Moment die Aufstellung in eine ordentliche Defensive gewandelt werden.

Doch nicht nur diese kleinen Feinheiten sind zu beachten. Auch die allgemeine Marschrichtung wird durch den Spieler geprägt – werden Ziele nacheinander angegangen? Oder doch alles gleichzeitig weil der GröFaZ schon Druck macht? Leningrad und Kiew oder direkt Moskau? Eigentlich müssen alle drei Ziele genommen sein. Die Einstellungen des Schwierigkeitsgrades und des mehr oder weniger starken Einflusses des Wetters auf die Kampfkraft sind da schon fast Standard.
Die Spielergemeinde war sich selten so einig, dass das Konzept von DCB ein echter Schritt nach vorne ist. Liebhaber der Vorgänger waren und sind begeistert von dem Weg, den die Macher des Spiels eingeschlagen haben. Bislang ist es wohl keinem Spiel gelungen, die Bedürfnisse der Operation Barbarossa in diesem Maße abzubilden. Ständig werden Entscheidungen verlangt, mit den begrenzten Ressourcen zu haushalten. Jederzeit muss sich der Spieler bewusst sein, dass Kräfte, die er für geplante Maßnahmen nutzt an anderer Stelle fehlen. Selbst für die Sicherung der Nachschubwege muss man sich etwas einfallen lassen und unter widrigen Umständen auch der Front Truppen entziehen. Das Unverständnis der Korps-, Armee- und Heeresgruppenkommandeure dürfte ärgerlich aber letztendlich nachvollziehbar sein. Man sollte dabei nicht vergessen, dass dieser „Standingverlust“ noch folgen haben kann. Allzu oft sollte man den Herren also nicht vor den Kopf stoßen.

Grafisch hat sich leider nicht besonders viel getan. Zunächst bietet das den Vorteil, dass Veteranen der Serie sich nicht großartig umgewöhnen müssen – dennoch hätte man sicher ein klein wenig mehr aufpolieren können – wenn schon nicht am Interface, dann allerdings an der Karte, die leider etwas lieblos wirkt. Gerade hier werden die Fans sicher mit diversen Mods ansetzen, um diesem Umstand Abhilfe zu schaffen. Schon jetzt gibt es einige historische Modifikationen, die für etwas mehr Atmosphäre sorgen sollen. Insgesamt kann man der Grafik keine großen Mängel attestieren. Die Übersicht ist gewahrt, sie ist zweckmäßig, hat aber durchaus noch Luft nach oben.

Die Soundausgabe von DCB ist solide, hier gibt es nichts zu bemängeln. Sowohl Musik als auch Soundeffekte runden die Atmosphäre ab und sind stimmig gewählt. Wie immer mag der eine oder andere dankbar sein, wenn man in der Hitze der Schlacht auch mal für Ruhe sorgen kann.

Das Spielkonzept wirkt also ausgefeilt, die Grafik ist in Ordnung, der Sound lässt keine Wünsche offen: Trotzdem sind bei näherer Betrachtung und einem Herz-und-Nierentest einige Dinge aufgefallen. Die Datenbank dürfte durchaus umfangreicher sein. Einige Fahrzeugtypen des umfangreichen Fuhrparks der Wehrmacht scheinen bislang zu fehlen. Die meisten Abnehmer im Strategiesegment sind Spieler vom Fach und lassen sich einen Panzer II nicht als Panzer 38(t) verkaufen. Ein wenig für Unmut sorgt auch die Textausgabe des Spiels. Man ist es inzwischen gewohnt, dass englischsprachige Titel versuchen eine „deutsche“ Atmosphäre zu schaffen, indem deutsche Dienstgrade, Anreden oder auch Truppenbezeichnungen genutzt werden. Damit hat sicher niemand ein Problem, wenn das Schema stringent genutzt wird. In DCB ist das leider nicht immer der Fall. Selbst bei der immer gleichen Anrede „Herr“ findet man diese einerseits wie im Deutschen korrekt groß geschrieben – oder aber auch klein geschrieben. Dienstgrade sind mal mit deutschen Abkürzungen dargestellt und beim nächsten Kollegen General wiederum mit der englischen Abkürzung. Dass man die Heeresgruppen mit HGr abkürzt und nicht mit AG für Army Group ist da eigentlich nur Bemerkung am Rande.

Wer nun aber denkt, dass die Beanstandungen doch sehr umfangreich waren, sollte sich nicht täuschen lassen. Diese Mängel sind allesamt nur oberflächlich und im Rahmen von Updates durchweg korrigierbar. Dem eigentlichen genialen Konzept des Spiels und der ohne zu Zögern als angemessen zu bezeichnenden KI tut dies keinerlei Abbruch. Eine echte Bremse ist da eher der Umfang – und zwar gleich in zweierlei Hinsicht. Zunächst endet Barbarossa mit der Schlacht um Moskau, für den Spieler der deutschen Seite also mit dem ersten echten Rückschlag. Wer bis Ende 1941 im Vormarsch war, würde jetzt sicher gerne sehen, ob er das eroberte Gelände halten oder gar 1942 mit ähnlicher Initiative weiter vorrücken kann. Wer sich für die Rote Armee entschieden hat, musste über den ganzen Feldzug Nackenschläge hinnehmen, ohne jetzt „den Spieß umdrehen“ zu können. Natürlich steht die Beschränkung auf eine Operation in der Linie der Decisive Campaigns Reihe – gerade bei Barbarossa wirkt dies quasi wie ein Cliffhanger – ohne Aussicht auf Fortsetzung. Wir sind uns natürlich bewusst, dass eine vollständige Darstellung des gesamten Ostkrieges eine gewaltige Aufgabe ist – die Option hätte dem Spiel sicher gut getan und den faden Beigeschmack für Kaufinteressenten stark vermindert.

Insgesamt muss für Decisive Campaigns: Barbarossa gesagt werden, dass es mit Sicherheit der große Wurf 2015 war. Für Hexfeldstrategen mit Schwerpunktinteresse auf dem Zweiten Weltkrieg, gab es keinen lohnenswerteren Titel. Im Rahmen des Konzepts wurden einige Details des Vorgängers eingeschränkt zu Gunsten einer stimmigeren Atmosphäre der Stabsarbeit. Strategische Zielsetzungen und operative Planung laufen beim Spieler zusammen – wenige Titel haben das in der Form erreicht wie DCB. Dies hat natürlich seinen Preis – den alten Hasen mag das teilweise ungewohnt vorkommen und jedermanns Sache ist die Auseinandersetzung mit den Stabsschranzen auch nicht. Man darf aber auch nicht vergessen, dass oft kritisiert wird, dass diverse Neuerscheinungen nur der alte Wein in neuen Schläuchen sind. Wie oft wird die Engine nur auf ein neues Schlachtfeld übertragen. Diesmal definitiv neuer Wein im alten Schlauch. Aber auch hier ist noch Potential vorhanden, an dem die Entwickler schleifen können. Wir brauchen nicht lange überlegen – Decisive Campaigns: Barbarossa ist einer der heißesten Anwärter auf einen wenn nicht sogar den Treppchenplatz beim Gamershall-Award 2015.

 

 

Systemvoraussetzungen

  • OS: Windows XP, Vista, 7, 8, 10
  • CPU: 1.5 GHZ Prozessor oder vergleichbar
  • RAM: 1,5 GB (XP), 2 GB (ab Vista)
  • Grafik: 8MB Grafikspeicher
  • Sound: DirectX kompatible Soundkarte

 

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