Last Day on Earth

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Wie wir längst wissen, steht das Haus Slitherine/Matrix Games nicht nur für historische Konfliktsimulationen; es bringt uns auch immer wieder Strategiespiele mit Science Fiction-Thematik auf den heimischen PC. Einem der jüngsten Beispiele hierfür wollen wir uns im Folgenden widmen. Die Rede ist von dem Titel „Last Days Of Old Earth“, für den das britische Entwicklerteam Auroch Digital verantwortlich zeichnet.

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„Last Days Of Old Earth“ (LDOE) bedient sich eines postapokalyptischen Settings: In einer völlig vereisten Zukunft schleppen sich die letzten Menschen durch die unwirtliche Einöde, um ein sagenhaftes Land am Äquator zu finden. Dabei stellen sich ihnen unerwartet die sogenannten „Automata“ in den Weg – mysteriöse Maschinenwesen, welche von einer untergegangenen Zivilisation hinterlassen wurden und keine andere Aufgabe haben, als die wenigen noch übrigen Ressourcen der Erde mit Gewalt vor fremdem Zugriff zu beschützen. Diese nur knapp angedeutete Geschichte bildet den Hintergrund für die neun Missionen umfassende Kampagne, in welcher der Spieler die Geschicke des menschlichen „Skywatcher“-Clans übernimmt und in taktischen Gefechten gegen die Roboterhorden der Automata antritt.

Zugegebenermaßen glänzt das Feldzugspiel nicht gerade durch gewaltigen Umfang. Allerdings bietet LDOE einen spaßigen Skirmish-Modus, der sich auch auf Seiten der Automata bestreiten lässt. Hier kann man das Programm eigenen Bedürfnissen anpassen und unter anderem mehrere KI-Gegner hinzufügen. Nicht zu vergessen ist außerdem der Multiplayerpart, wobei jedoch lediglich 1v1-Partien unterstützt werden. Für den Mehrspielermodus ist übrigens eine Anmeldung bei Slitherine beziehungsweise Matrix Games erforderlich.

Schließlich ist noch das Tutorial zu erwähnen, welches – wenn auch rudimentär – in die Grundlagen einführt. Viele Feinheiten erlernt man erst beim Absolvieren der Kampagne, die gar als überlanges Tutorial angesehen werden kann, sofern sie die mannigfaltigen Einheitentypen sukzessive einführt und auch deren Verwendungsweise erklärt.

Werfen wir nun einen Blick auf das Spielsystem von LDOE. Ganz allgemein gesprochen handelt es sich um traditionelle rundenbasierte Hexfeld-Strategie einschließlich Ressourcenmanagement und einiger Anleihen beim 4X-Genre: Wir erkunden die in Kriegsnebel eingehüllte Karte, errichten bei Bedarf das ein oder andere Gebäude und ziehen bei Feindkontakt in die Schlacht, wobei Gefechte auf einer gesonderten, schachbrettartigen Spielfläche ausgetragen werden. So weit so gut. Bei genauerer Betrachtung stellt man indes schnell fest, dass das Regelwerk von LDOE äußerst ausgeklügelt ist und eine ganze Menge an Raffinessen in sich birgt.

 

Sprechen wir zunächst über die Bedeutung von Aktionspunkten, Karten und Würfeln. In der Tat lässt sich LDOE in vielen Aspekten geradezu als Kombination aus Würfel- und Kartenspiel beschreiben. Dies beginnt schon damit, dass zu Beginn jeder Spielrunde die Initiative ausgewürfelt wird. Die Partei, welche die Initiative erhält, erhält zugleich das Maximum von 12 Aktionspunkten, die andere Seite muss manchmal mit deutlich weniger auskommen. Darüber hinaus startet der Spieler mit einer gewissen Anzahl von Karten auf der Hand. Diese Karten repräsentieren militärische Einheiten, individuelle Helden sowie diverse technische Gerätschaften, die zur Verbesserung der Infrastruktur dienen. Will ich all dies aktiv verwenden, muss ich die entsprechende Karte einsetzen, indem ich sie einfach mit der Maus auf ein vorhandenes Gebäude meiner Wahl ziehe. Schon die Aktivierung einer Einheit kostet nicht nur wertvolle Aktionspunkte, sondern auch Ressourcen. Das gilt aber für nahezu alles, was ich im Spiel ausführen kann, sei dies die Zusammenfassung von Einheiten zu einer Armee, die Bewegung im Gelände oder das Nachziehen von Karten aus dem Stapel. Daher sollten während einer Runde alle Schritte wohlüberlegt sein.

Bevor ich mit der Erläuterung des Gameplays fortfahre, möchte ich noch kurz ein Wort über die grafische Präsentation von LDOE verlieren: Die stets verschneiten 3D-Landschaften sowie auch die Einheiten wirken in etwa so, als hätte man sie aus LEGO-Bausteinen zusammengesteckt. Dies mutet kühl und abstrakt an, passt aber zum dargebotenen Sujet. Im Verbund mit dem durch Karten und Würfel bestimmten Spielsystem kommt zudem der Eindruck auf, es hier mit einem Table-Top-Game für den Computer zu tun zu haben.

 

Die Einheitenauswahl in LDOE ist als stattlich zu bezeichnen. So stehen neben verschiedenen Typen von Infanterie (Aufklärer, Gebirgsjäger usw.) eine ganze Reihe von gepanzerten Fahrzeugen und auch Flugzeuge zur Verfügung. Sogar Wolfsrudel können in die Schlacht geführt werden. Die Truppen der Automata sind natürlich durchweg mechanisiert, so dass hier als Pendant zum Wolf der Hunderoboter auf den Plan tritt. Der eigentliche Clou bei den Einheiten besteht indes darin, dass sie sich aufgrund vielfältiger Spezialfähigkeiten alle voneinander klar unterscheiden.

Die Liste der Charakteristika ist recht lang und lässt sich bei Bedarf im (vollkommen ausreichenden) Handbuch nachlesen. Ich will hier nur ein Beispiel anbringen: Gebirgsinfanterie ist während der Schlacht in der Lage, schweren Unterstützungseinheiten einen Angriffsbonus zu geben. Das Spiel kennt aber neben diesen Kampffähigkeiten auch sogenannte Weltfähigkeiten, die nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf der Weltkarte zur Geltung kommen. So verbraucht die genannte Gebirgsinfanterie in schwierigem Terrain weniger Bewegungspunkte. Außerdem gilt sie als Aufklärer und besitzt daher eine erhöhte Sichtweite.

Zwei Einheitentypen erfahren eine spezielle Behandlung, nämlich technische Anlagen und Flugzeuge. Technische Anlagen sind eigentlich keine Einheiten im engeren Sinne, sondern Upgrades für existierende Infrastrukturen, in denen sie fest installiert werden. Manchmal geben sie den in der Nähe befindlichen Truppen Vorteile, etwa in Gestalt eines zusätzlichen Bewegungspunktes. Es gibt auch allgemeine Effekte. So zum Beispiel, wenn eine bestimmte Gerätschaft die Anzahl der Karten erhöht, die der Spieler auf der Hand haben darf. Flugzeuge werden ebenfalls in einem Gebäude stationiert und ziehen nicht etwa mit der Armee in den Kampf. Sie sind in der Lage, Aufklärung zu betreiben oder aber Feindverbände auf der Weltkarte anzugreifen. Im Gegensatz zu technischen Anlagen lassen sich Flugzeuge zudem verlegen, falls sich der Schwerpunkt des Geschehens verlagern sollte. Zu beachten ist hierbei, dass einige Landeinheiten über eine Flugabwehrfähigkeit besitzen und infolge dessen Flugzeuge beschädigen oder gar zerstören können.

Individuellen Helden kommt in LDOE eine besondere Bedeutung zu. Auch für sie gilt, dass sie über spezielle Fähigkeiten verfügen. Helden gewähren ihre Vorteile entweder der gesamten ihnen angeschlossenen Armee oder zumindest einer bestimmten Einheitenklasse. So gibt es den begnadeten Infanterieführer, der die Offensivkraft des Fußvolks beflügelt, oder den Panzerkommandanten, der allen schweren Einheiten einen gehörigen Angriffsbonus verschafft. Zwar können bis zu vier Einheiten gemeinsam auch auf eigene Faust agieren, aber eine reguläre heldengeführte Armee ist weitaus effektiver. Außerdem sind alleine Helden in der Lage, Gebäude zu errichten, was für den Spielverlauf von nicht unerheblicher Bedeutung ist.

Bei der Auswahl eines Helden sind nicht nur seine Fähigkeiten zu beachten. Man sollte überdies einen Blick auf seinen Kommandowert werfen, da dieser festlegt, wie viele Einheiten der Held überhaupt führen darf. Noch ein interessanter Aspekt: Helden ziehen niemals selbst ins Gefecht, sondern verbleiben in einem geschützten Bereich hinter den eigenen Linien. Das bringt uns sogleich zum Kampfsystem von LDOE. Zuvor sei noch angemerkt, dass die feindlichen Automata über eigene Helden verfügen, deren Können sich im Skirmish-Modus ausgiebig überprüfen lässt.
Im ebenfalls rundenbasierten Kampfmodus werden alle Ergebnisse ausgewürfelt. Die Anzahl der Würfel bestimmt sich durch die jeweiligen Angriffs- und Verteidigungswerte der beteiligten Einheiten. Allerdings lassen sich die Chancen durch ausgiebigen Gebrauch der Spezialfähigkeiten zu eigenen Gunsten beeinflussen. Ein Beispiel hierfür: Menschliche Geplänkel-Infanterie kann für eine Runde auf den eigenen Schuss verzichten und dafür einer beliebigen anderen Infanterie-Einheit einen Angriffsbonus von +3 geben, d.h. die befreundete Einheit erhält drei zusätzliche Angriffswürfel. Da etliche Kombinationen möglich sind, kann sich hier der Taktiker in uns so richtig austoben.

Das Schlachtfeld ist, wie schon gesagt, schachbrettartig aufgebaut und für beide Parteien lediglich zwei Reihen tief. In dieser Hinsicht empfiehlt es sich, in der Aufstellungsphase genau auf die Einheitenattribute zu achten. Reine Unterstützungseinheiten ohne echte Kampfkraft gehören in die zweite Reihe, ebenso die Artillerie, welche eine erhöhte Feuerreichweite besitzt. Manche Fähigkeiten, die auf die eigene Truppe angewendet werden, wirken sich nur auf benachbarte Einheiten oder nur auf solche in der ersten oder zweiten Reihe aus. Auch dies gilt es zu bedenken. Falls sich eine Niederlage abzeichnet, darf man nach einer bestimmten Rundenanzahl den Rückzug antreten. Bei vollständiger Vernichtung der Armee flieht der geschlagene Held, jedoch kann der Gegner ihn verfolgen und bei entsprechendem Würfelglück endgültig eliminieren.

 

Beim Ausführen der Kämpfe ist übrigens kein grafisches Feuerwerk zu erwarten. Es gibt allenfalls ein paar zaghafte Animationen, und die dreidimensionalen Modelle wirken nicht sonderlich hübsch. Als geradezu seltsam empfinde ich es, dass man selbst bei Kämpfen innerhalb eines Gebäudes stets die gleiche Schneelandschaft zu sehen bekommt.

Apropos Gebäude: Hiervon gibt es in LDOE lediglich drei an der Zahl. Das (nicht erbaubare) Clan-Haus ist unser Hauptquartier, dessen Verlust das sofortige Scheitern der Mission nach sich zieht. Außenposten lassen sich an beliebiger Stelle errichten und dienen dazu, unser Einflussgebiet und damit den Versorgungsradius zu erweitern. Dies ist besonders wichtig, da unversorgte Armeen empfindliche Abzüge bei ihrer Angriffs- und Verteidigungsbereitschaft hinnehmen müssen. Zur Ausbeutung von Ressourcen benötigen wir schließlich noch die Kollektoren, die einfach auf einer Rohstoffquelle platziert werden. HQ und Außenposten sind übrigens die einzigen Orte, an denen es erlaubt ist, Karten auszuspielen (sprich: Einheiten zu aktivieren) und neue Armeen zu bilden.

LDOE unterscheidet drei Arten von Ressourcen: Materialien, Energie und Bevölkerung. Sie werden vor allem gebraucht, um neue Einheiten ins Spiel bringen zu können. Wie viele und welche Ressourcen ich zu investieren habe, hängt vom Einheitentyp ab. So kosten Infanteristen vor allem Bevölkerungspunkte, Fahrzeuge und fliegendes Gerät verschlingen hingegen Energie und Materialien. Die Automata sind, soweit ich sehe, nicht auf sogenannte „Manpower“ angewiesen, dafür ist bei ihnen das ausreichende Vorhandensein von Energie ein kritischer Faktor. In diesem Zusammenhang ist noch ein interessantes Feature erwähnenswert: Ich kann zu Beginn jeder Spielrunde Ressourcenpunkte in zusätzliche Würfel umwandeln, was die Chancen auf Erlangung der Initiative erhöht.

Was die Bewegung von Einheiten, aber auch die Positionierung von Gebäuden betrifft, so spielt das Terrain in LDOE eine nicht unbedeutende Rolle. Während man auf freiem Feld relativ ungeschützt ist, bieten städtische Ruinen, verlassene Siedlungen, Hügel und Berge diverse Angriffs- oder Verteidigungsboni. Waldgebiete haben gar die Eigenschaft, dass sich Armeen in ihnen vor den Augen des Gegners verbergen können. Allerdings kostet die Durchquerung von schwierigem Gelände zusätzliche Bewegungskosten, wobei man dazusagen muss, dass die Reichweite der Einheiten ohnehin sehr restriktiv gehandhabt wird.

Manche Hexfelder sind markiert und lösen Ereignisse aus, wenn man sie betritt. Hier kann es beispielsweise passieren, dass man herrenloses Kriegsgerät findet oder auf verzweifelte Menschen trifft, die um Hilfe bitten. In solchen Fällen hat der Spieler stets die Möglichkeit, die Angelegenheit zu ignorieren und seines Weges zu ziehen. Neutrale Parteien kann man sogar angreifen, wenn einem der Sinn danach steht. Meist lohnt es sich aber, auf die unterschiedlichen Angebote einzugehen, denn in der Regel winken – im Tausch gegen Ressourcenpunkte – zusätzliche Einheiten oder andere nette Dinge.

Kommen wir nun zur Schlussbetrachtung. LDOE ist kein hochkomplexes Strategie-Schwergewicht, sondern gehört in die Kategorie der eher „kleinen“ Spiele. Aber es verfügt über ein durchdachtes Regelwerk, welches den Spieler zum Vorausplanen nötigt und eine große Zahl an taktischen Kombinationen erlaubt, ohne dass je die Übersicht verloren geht. Dabei ist das Interface sparsam und die intuitive Steuerung ohne Probleme zu bewältigen. Alle relevanten Informationen sind leicht zugänglich. So rufe ich mit einfachem Rechtsklick auf eine Armee oder Einheit die statistischen Werte und Spezialfähigkeiten auf. Ebenfalls praktisch: Bevor ich eine Struktur errichte, visualisiert mir das Programm den nach Fertigstellung geltenden neuen Versorgungsradius.

Das storybasierte Feldzugspiel ist – wie gesagt – nicht sonderlich umfangreich, macht aber durchaus Laune. Zwar gilt für den Aufbau der Missionen im Prinzip das Motto: „Zerstöre das feindliche HQ und beschütze dein eigenes!“ Dennoch wird bezüglich der Ziele für eine gewisse Abwechslung gesorgt. So kommt es beispielsweise vor, dass man einen Helden unbeschadet zur Basis geleiten oder auf der Karte verstreute Gebäude einnehmen und gegen die Roboter verteidigen muss. Immersion ist allerdings nicht gerade eine Stärke des Spiels: Die Geschichte von der Suche des Skywatcher-Clans nach wärmeren Gefilden wird in einem leblos wirkenden Intro-Video vorgestellt und während der Kampagne nur noch mittels spröder Textfenster vermittelt.

 

Die KI des Spiels beeindruckt nicht durch ein Übermaß an Aggressivität, verhält sich jedoch keineswegs völlig ungeschickt. Der Computergegner scheint mir sogar recht variabel zu sein. Er ist einerseits an kritischen Stellen zur militärischen Schwerpunktbildung fähig, trachtet aber andererseits auch danach, mittels kleinerer Kommandotrupps die Ökonomie des menschlichen Spielers nachhaltig zu stören.

In der vorliegenden Version 1.0 lief LDOE während der Testphase weitgehend störungsfrei, jedoch bin ich auf einen unangenehmen Bug gestoßen: Im Gefecht ist mir das Spiel bei dem Versuch, eine ganz bestimmte Einheit zu bewegen, mehrfach eingefroren. Das Problem ließ sich lösen, indem ich nach Laden des Spielstands die automatische Kampfberechnung wählte. Den Spielspaß hat dies zwar nicht getrübt, dennoch wollen wir hoffen, dass der Entwickler einen Patch zur Beseitigung des Umstandes nachreicht.

 

 

Systemvoraussetzungen

  • Windows Vista/7/8/10
  • 2 GHz-Dual Core-Prozessor
  • 4 GB RAM
  • 2 GB freier Festplattenspeicher
  • DirectX 11-Grafikkarte

 

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Post Author: Admin

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