Panzercorps

f9ec807853d6ff249fd42aa33fb3e9cdThe Lordz Games (Entwickler) und Slitherine/Matrixgames (Publisher) schicken mit Panzercorps ein lupenreines Remake des SSI Klassikers Panzergeneral ins Rennen, das im Gamershall-Preview durchaus beeindrucken konnte. Aber hält der erste Eindruck auch einem zweiten Blick stand?

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The Lordz Games ist ein kleines Entwicklungsstudio aus den Benelux-Staaten. Die Wurzeln des Studios liegen in der Modder-Gruppe The Lordz Modding Collective, die sich durch ihre Total War Modifikationen bereits einen Namen in der Szene machen konnte. Seit der Studiogründung im Jahre 2006 konnten The Lordz Games mit Titeln wie Battlefield Academy und dem Addon Battlefield Academy: Blitzkrieg France  bereits einen guten Eindruck hinterlassen. Neben solch gelungenen Titeln erblickten aber auch eher durchwachsene Produkte wie beispielsweise das eher unausgereifte Commander: Napoleon at War das Licht der Welt.

Zusätzlich wurde der russische Modder Rudankort ins Boot geholt. Durch diese Personalie war der Weg zum fertigen Produkt schon halbwegs geebnet, denn Rudankort zeichnete bereits für das kostenlose exzellente Panzergeneral Forever – eine um 3 Modifikationen erweiterte 1:1 Panzergeneral-Kopie – verantwortlich (Quelle). Slitherine war es also gelungen, einen Panzergeneral-Spezialisten und versierte Grafiker in einem Team zu vereinen –  doch würde dies genügen um einem Klassiker neues Leben einzuhauchen?

Panzergeneral, im Jahr 1994 von SSI veröffentlicht, wird im Allgemeinen als ein Meilenstein der Computerspielgeschichte betrachtet. SSI war es geglückt, ein durchaus anspruchsvolles Spielsystem grafisch so ansprechend und technisch so zugänglich zu verpacken, dass auch Spieler außerhalb der Strategiespiel-Szene leicht in dieses Spiel finden konnten. Die einsteigerfreundliche Bedienung und ein – oberflächlich betrachtetet –  einfach gehaltener Regelsatz verliehen Panzergeneral den Ruf eines beer & pretzel-Spiels, was aber über die tatsächliche Spieltiefe hinweg täuscht. Der Erfolg von Panzergeneral zog eine ganze Reihe von Nachfolgern nach sich, die sich aber zunehmend in grafischen und technischen Spielereien verloren und sich von der Einfachheit des Originals entfernten. So ist es wenig verwunderlich, dass in der noch heute vergleichsweise lebhaften Panzergeneral-Community eher die älteren Titel der Serie populär sind.

Die Beliebtheit der bereits erwähnten Modifikation Panzergeneral Forever ließ erahnen, dass ein Remake des Titels mit zeitgemäßer Technik und aufgefrischter Grafik durchaus wohlgesonnen aufgenommen werden würde. Fraglich dürfte jedoch gewesen sein, ob auch jemand bereit sein würde, für eine Spielidee zu zahlen, die schon 20 Jahre auf dem Buckel hat.

Um die Antwort auf diese Frage vorwegzunehmen: ja, es sieht so aus, als hätte Panzercorps eine zahlende Kundschaft gefunden. Iain McNeil, Slitherines Development Director, hat bereits verlauten lassen, dass Panzercorps die für den ersten Monat erwarteten Verkaufszahlen bereits in den ersten 24 Stunden nach der Veröffentlichung erreichen konnte (Quelle) und sich in Slitherines Geschichte bislang noch kein Titel so schnell verkauft hat (Quelle). 

Das Geheimnis hinter diesem Erfolg ist eine gelungene Mischung aus einer detailgetreuen Neuauflage des Originals und einem Gespür für gelungene Neuerungen.

Wie das Original wird Panzercorps auf einer Hexfeld-Karte gespielt, wobei der Kartenmaßstab von Szenario zu Szenario variiert. Dies gilt ebenfalls für den Maßstab der Einheiten, die in 19 verschiedene Typenklassen unterteilt sind. Die Gefechtsergebnisse folgen einem Stein-Schere-Papier Prinzip, welches vom Terrain und ca. 20 Einheitenparametern modifiziert wird. In Panzercorps kann man per Tastatur-Kürzel eine detaillierte Aufstellung dieser Modifikatoren aufrufen (vor dem Gefecht: Strg-Rechtsklick, direkt nach dem Gefecht: L).

In jeder Spielrunde konnte in Panzergeneral jede Einheit einmal bewegt werden und einmal angreifen, sofern sich eine gegnerische Einheit in Schlagweite befand. Abgesehen von einigen Ausnahmen war die Reihenfolge von Bewegung und Angriff hierbei frei wählbar. Allerdings mussten beide Aktionen immer unmittelbar nacheinander erfolgen, d.h. es durfte zwischen Angriff und Bewegung keine andere Einheit „angefasst“ werden und die Bewegung musste ohne Unterbrechung durchgeführt werden, d.h. nicht genutzte Bewegungspunkte verfielen.

In Panzercorps wurde diese Beschränkung nun erfreulicherweise aufgehoben, d.h. Bewegungs- und Angriffsbefehle dürfen zu unterschiedlichen Zeitpunkten gegeben werden. Diese Änderung verleiht dem Spiel deutlich mehr Dynamik, denn hierdurch ist es leichter geworden, Gefechtserfolge in Geländegewinne umzusetzen. Dies ist insbesondere bedeutsam, weil es in Panzercorps weiterhin nicht möglich ist, mehr als eine (Boden-)Einheit in ein und dasselbe Hexfeld zu platzieren (d.h. kein stacking).

Des Weiteren lässt sich hierdurch der neu eingeführte Flankierungs-/Einkreisungsmodifikator effektiver nutzen: Einheiten erhalten im Gefecht Mali, wenn sich außer der angreifenden Einheit auch noch weitere gegnerische Einheiten in benachbarten Feldern befinden (oder Boni im umgekehrten Fall). Um den Überblick zu erleichtern, wird unter jeder Einheit per kleinem Icon jeweils angezeigt, ob sie schon bewegt wurde und/oder schon an einem Gefecht teilgenommen hat.

Eine Besonderheit stellt die Bewegungsregel für Aufklärungseinheiten dar, denn diese dürfen ihre Bewegungspunkte von nun an in Etappen verbrauchen, wobei jedoch jede Unterbrechung einen Bewegungspunkt kostet. Auch diese Neuerung ist sehr gelungen, weil sie ein flexibles Vorgehen fördert.

Wie schon in Panzergeneral, kann man Einheiten bis zu einem im jeweiligen Szenario festgelegtem Limit per Luft- und Seetransport bewegen. Panzercorps erweitert diese Optionen um den Transport per Eisenbahn, mit dem Einheiten von Stadt zu Stadt bewegt werden können. Die dafür notwendigen Eisenbahn-Schienennetze bringen auch noch eine weitere Neuerung mit sich: Panzerzüge und Eisenbahngeschütze (Gustav und Dora), deren vergleichsweise hohe Feuerkraft und -reichweite durch die Beschränkung der Bewegungsfähigkeit per Bindung ans Schienennetz kompensiert wird. Gemessen an der geringen Rolle, die diese monströsen Eisenbahngeschütze im zweiten Weltkrieg gespielt haben, kann man sicherlich darüber streiten, ob ihre Aufnahme ins Spiel notwendig oder gerechtfertigt ist.

Panzercorps wird mit einer Tutorial-Kampagne und 26 Szenarien, die in eine große Kampagne gegliedert sind, ausgeliefert. Die Kampagne kann an unterschiedlichen Einstiegspunkten gestartet werden (1939, 1941, 1943 Ostfront und 1943 Westfront) und abhängig vom Erfolg des Freizeitgenerals einen unterschiedlichen Verlauf nehmen. Leider lässt sich die Kampagne nur auf Seiten der Deutschen spielen. Dies wäre aus Sicht des Szenariobalance sicherlich nachzuvollziehen, der eigentliche Grund dürfte jedoch sein, dass die Entwickler die alliierten Kampagnen als Addon nachliefern wollen.

Zusätzlich lassen sich alle Szenarien noch einzeln – wahlweise als Deutscher oder Alliierter – spielen. Im Vergleich zu Panzergeneral fällt auf, dass leider auf den nordafrikanischen Kriegsschauplatz verzichtet wurde. Der Grund hierfür liegt nicht in mangelnden historischen oder geografischen Schwächen der Entwickler, sondern in deren Geschäftstüchtigkeit, denn es wurde bereits angedeutet, dass Nordafrika wahrscheinlich Schauplatz einer zukünftigen Erweiterung sein wird.

Innerhalb der Kampagne wird man von einer Reihe von Kerneinheiten begleitet, deren Hege und Pflege eine Hauptkomponente des Spiels ausmacht. Während die erlittenen Verluste dieser Einheiten im Original Panzergeneral zwischen den Szenarien automatisch und insbesondere kostenlos aufgefüllt wurden, wird man in Panzercorps vor die Entscheidung gestellt, seine Einheiten zu Beginn eines Szenarios mit kostenlosem Ersatz ohne Erfahrung, mit teuren Elitetruppen, oder gar nicht aufzufrischen. Das Auffüllen mit Elitetruppen zwischen zwei Szenarien kostet hierbei weniger Prestige als während eines Szenarios.

Dass The Lordz Games ursprünglich als Modder-Gruppe im Umfeld der sehr grafiklastigen Total War Reihe starteten, spiegelt sich auch in der grafischen Gestaltung von Panzercorps wider. Menüs und Karte sind zweckmäßig und ansprechend gestaltet. Die über 400 schön anzuschauenden Einheitengrafiken – darunter imposante Gebilde wie beispielsweise der Mörser Karl – wurden aus sehr detailreichen 3D-Modellen gerendert. Der Nachteil an der gewählten Darstellungsart ist die Beschränkung auf zwei Zoomstufen. Des Weiteren ist der farbliche Kontrast zwischen Einheit und Terrain recht gering, so dass man gelegentlich auch eine Einheit übersehen kann. Gefechte werden durch Animationen dargestellt, die man, sollte man ihrer überdrüssig geworden sein, aber leider nicht deaktivieren kann.

  

Es ist sehr praktisch, dass auf der strategischen Übersichtskarte nicht nur die Positionen der Einheiten angezeigt werden, sondern auch deren Einheitenklasse. Die Zielfelder, deren Kontrolle für einen Sieg notwendig ist, werden auf der Übersichtskarte durch farbig unterlegte Kreise gekennzeichnet. Es wäre allerdings wünschenswert, wenn auch Flugfelder gesondert gekennzeichnet wären, da diese nur schwer erkennbar, bei der strategischen Planung aber in der Regel vergleichsweise wichtig sind. 

 

Erfreulicherweise wird in Panzercorps auch Slitherines sehr komfortable neue Multiplayer-Plattform verwendet. Da im Spiel ein recht guter Editor enthalten ist, steht zu hoffen, dass es über kurz oder lang viele von Spielern erstellte neue Multiplayer-Szenarien gibt. Die Tatsache, dass seit der Veröffentlichung des Spiels am 11. Juli bereits über 250.000 Multiplayer-Partien mit über 5.000.000 Spielzügen auf der Multiplayer-Plattform gespielt wurden, lässt hoffen, dass sich eine große und aktive Multiplayer-Gemeinschaft bilden wird  (Quelle). Neben dem Spiel per PbBM kann auch ein Hotseat-Modus für Spiele gegen menschliche Gegner genutzt werden.

Besonderen Wert legten die Entwickler auf eine leichte und umfangreiche Modifizierbarkeit des Spiels, um Spielern die Möglichkeit zu bieten, das Spiel an ihre Wünsche und Bedürfnisse anzupassen. Leider erschien als eine der ersten Modifikationen ein für Spiele dieser historischen Periode anscheinend ebenso unausweichlicher, wie – zumindest aus deutscher Sicht – unsäglicher Swastika-Mod.

Leider ist bislang nur die englische Sprachversion erschienen; an weiteren Lokalisationen – darunter auch einer deutschen – wird jedoch im Moment gearbeitet.

Bedenkt man, dass es sich „nur“ um ein Remake handelt und auch nur 26 Szenarien enthalten sind, ist der Verkaufspreis mit 39 EUR nicht gerade als günstig zu bezeichnen. Man sollte hierbei aber auch berücksichtigen, dass Panzercorps aufgrund des Editors und des komfortablen PbEM Systems durchaus das Potential für einen Dauerbrenner hat. Und letztlich hat man aufgrund der Preispolitik von Slitherine/Matrixgames zumindest die Gewissheit, dass das Spiel nicht schon in 4 Wochen für einen Bruchteil dieses Betrages verramscht wird. Bleibt zu hoffen, dass die (bislang nur inoffiziell) angekündigten Erweiterungen dann nicht auch für den Preis eines Stand-alone-Titels verkauft werden.

Systemvoraussetzungen

  • Betriebssystem: Windows XP/Vista/7
  • CPU: Pentium 4 or equivalent
  • RAM: 1GB RAM (XP) or 2GB RAM (Vista/7), empfohlen: 2 GB oder mehr
  • Festplatte: 500 MB, empfohlen 1 GB
  • Grafikkarte: 64Mb, empfohlen: 128Mb oder höher

 

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