Crusader Kings 2

d0ee17cabb07c30e268a5358c472419dEntwickler und Publisher Paradox Interactive hat sich mit Titeln wie „Europa Universalis“ oder „Hearts of Iron“ einen Namen gemacht und gilt seither als Experte für detaillierte und umfangreiche historische Strategiespiele. Wir wollen sehen, ob die schwedische Firma mit ihrem jüngsten Streich „Crusader Kings 2“ diesem Ruf gerecht wird.

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Wie sich an der Namensgebung erkennen läßt, handelt es sich bei „Crusader Kings 2“ (CK 2) um den Nachfolger von „Crusader Kings“, das im Jahre 2004 auf den Markt gebracht wurde. An der Thematik hat sich nichts Grundlegendes geändert: Auch CK 2 entführt den Spieler in die Welt des mittelalterlichen Europa und verschafft ihm die Möglichkeit, als Graf, Herzog, König oder gar Kaiser die Geschicke seiner Untertanen zu lenken sowie Macht und Ruhm seines Landes zu mehren. Dabei verfolgt CK 2 einen interessanten Ansatz: Zwar geht es auch um militärische Eroberungen. Viel wichtiger noch ist aber eine geschickte Familienpolitik, damit die Herrscherdynastie nicht nur beständig an Einfluß gewinnt, sondern diesen auch behält, ohne Gebietsansprüche zu verlieren oder schlimmstenfalls plötzlich mangels Nachkommen zu erlöschen.

Gespielt wird auf einer zoombaren 3D-Landkarte, die Paradox-typisch in etliche Regionen gegliedert ist und neben Europa den Nahen Osten sowie die Küste Nordafrikas abbildet. Der von CK 2 behandelte historische Zeitraum umfaßt rund vierhundert Jahre und erstreckt sich maximal von der Landung der Normannen in England (1066) bis zum Untergang des byzantinischen Reichs (1453). Die im Produktnamen angesprochenen Kreuzzüge kommen dabei natürlich auch vor, stehen aber keineswegs alleine im Mittelpunkt des Geschehens. CK 2 zeichnet sich vielmehr durch große Freiheit aus. So ist das Startdatum innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens beliebig einstellbar. Auch bleibt es meinen persönlichen Vorlieben überlassen, ob ich in die Rolle eines unbedeutenden nordfranzösischen Grafen mit nur einer Provinz schlüpfe oder in die eines geachteten Herzogs auf den britischen Inseln. Und wenn mir dies zu gering erscheint, beginne ich gleich als römisch-deutscher Kaiser, der über ein politisches Großgebilde zu bestimmen hat.

 

Diese Freiheit gilt aber noch mehr für den eigentlichen Spielverlauf: Zwar gibt es einen „Prestige“ genannten Wert, dessen Endsumme den Sieger der Partie bestimmt, doch bin ich keineswegs gezwungen, das Ziel der Ansammlung möglichst vieler Prestigepunkte zu verfolgen. Sofern das eigene Haus nicht frühzeitig ausstirbt, kann ich bis zum Enddatum weitgehend nach Gutdünken schalten und walten – ganz gleich, ob ich mich in aller Bescheidenheit der Verwaltung meines kleines Reiches widme oder aber danach trachte, als Eroberer und Gewaltherrscher in die Geschichte einzugehen.

Bevor wir nach diesen einleitenden Worten in die Details gehen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf den Lieferumfang: Dem Spielkonzept gemäß enthält CK 2 nur ein Szenario. Hier gibt es neben der erwähnten Möglichkeit zur freien Konfiguration auch einige vorgegebene Startpunkte sowie eine Vorauswahl interessanter Dynastien. Des weiteren steht ein mehrteiliges Tutorial zur Verfügung, das die Grundlagen der Steuerung sowie zentrale Aspekte der Spielmechanik erläutert und als Einstieg dringend zu empfehlen ist.

 

Natürlich läßt sich CK 2 nicht nur im Einzelspielermodus gegen die KI bestreiten, sondern auch gegen menschliche Kontrahenten. Der Mehrspielerpart über Internet oder LAN ermöglicht Sitzungen mit bis zu 32 Spielern. Als zusätzliche Option wird eine Partie mittels „Metaserver“ geboten. Hierbei handelt es sich um einen kostenlosen Vermittlungsservice für Mehrspielergegner, wobei man sich zwanglos in einer Chat-Lobby treffen kann. Zur Nutzung dieses Dienstes ist eine Registrierung des Programms im Paradox-Forum erforderlich.

 

Das wohl wichtigste Spielkonzept in CK 2 wurde bereits angesprochen, nämlich der von mir übernommene Charakter, der ganz wie im Rollenspiel als Identifikationsfigur dient und das Oberhaupt meiner Dynastie sowie den momentanen Herrscher über eine Grafschaft, ein Herzogtum oder ein Königreich darstellt. Dieser Charakter lebt aber nicht ewig – sei es, daß er im hohen Alter sanft entschläft, von einer Krankheit hinweggerafft wird oder mit gezogenem Schwert im Kampf fällt. Dies ist nicht weiter tragisch, solange es einen legitimen Thronfolger gibt, da ich dann einfach mit letzterem das Spiel fortsetzen kann. Die Prestigepunkte eines Herrschers werden übrigens bei seinem Ableben dem Gesamtkonto der Dynastie hinzugefügt. Am Ende vergleicht das Programm das insgesamt gesammelte Prestige aller im Spiel vorhandenen Herrschergeschlechter und verkündet den Sieger.

 

Eine andere Analogie zum Rollenspielgenre: Je nach Vorgehensweise verändern sich Wesen und Fähigkeiten meines Charakters. Genauer gesagt betrifft dies die Attribute, über die jede in CK 2 vorkommende Persönlichkeit verfügt. Hierbei handelt es sich um Eigenschaften wie „tapfer“, „zynisch“, „grausam“ oder „bescheiden“, um nur einige zu nennen. Sie sind in großer Zahl vorhanden und beeinflussen wiederum die zur Übernahme administrativer und politischer Aufgaben besonders wichtigen Werte in den Bereichen Diplomatie, Kriegskunst, Verwaltung, Intrige und Bildung.

 

Des weiteren darf man für seinen Helden eine „Ambition“ wählen. Letztere betrifft ein für besonders wichtig erachtetes Ziel, dessen Erfüllung mit Prestige oder anderen Boni belohnt wird. So ist es für einen jungen Herrscher durchaus angebracht, zunächst die Ehe zu wünschen und anschließend reichlichen Kindersegen. Neben ehrenwerten politischen und persönlichen Zielen sind aber auch verruchte Absichten wie etwa die Ermordung der eigenen Gattin möglich. Die aktuell gültige Ambition ist übrigens jederzeit widerrufbar. Und ist das Begehren einmal befriedigt, wendet man sich einfach einem anderen zu.

 

Die Charakterentwicklung verläuft zum Teil über Multiple Choice-Entscheidungen, die dem Spieler immer wieder präsentiert werden. In ähnlicher Weise kann man auch auf die Persönlichkeit seines Thronfolgers oder eines anderen minderjährigen Familienmitglieds einwirken, sofern man sich entschlossen hat, dessen Erziehung selbst in die Hand zu nehmen. Ein Beispiel hierfür: Erweist sich der Sohnemann als Vielfraß, der sich vornehmlich in der Küche herumdrückt, erhalte ich unter anderem die Option, ihn über die Tugend der Mäßigung zu belehren. Hieraus resultiert dann eine gewisse Chance, daß der Bengel die Eigenschaft „gemäßigt“ erhält.

 

Um überhaupt legitime Kinder haben zu können, muß der Charakter natürlich verheiratet sein. Zu diesem Zwecke kann man sich eine Liste aller im Spiel vorhandenen Fräuleins ansehen und mit dem Clan der Herzensdame eine Hochzeit arrangieren. Damit sind wir bei der in CK 2 sehr wichtigen Familienpolitik. Denn die Wahl des Ehepartners kann durchaus Folgen auf Besitztum und Einfluß meiner Dynastie haben, da Frauen aus bedeutendem Hause möglicherweise Ansprüche auf Titel mitbringen, die dann auf den gemeinsamen Nachwuchs übergehen.

 

Zudem kann auch ein Mauerblümchen mit Klumpfuß eine gute Partie sein, wenn der Herr Papa zufällig der deutsche Kaiser ist und ich mir als kleiner Herzog auf diese Weise einen politisch schwergewichtigen Bündnispartner verschaffe. Ähnlich verhält es sich mit den eigenen Kindern, die man als Minderjährige bereits verloben darf. Die Sache ist aber noch komplexer, da man nicht selten auch noch einen Schwarm von Geschwistern und anderen Blutsverwandten am Hals hat. Wer sich hier geschickt anstellt, kann es den Habsburgern gleichtun und sich mittels Heiratsdiplomatie in die Riege der ersten Fürstenhäuser Europas vorarbeiten.

 

Es gibt über die Familie hinaus noch weitaus mehr Möglichkeiten zur Interaktion mit anderen Charakteren. Bevor wir hierauf eingehen, müssen wir noch ein Wort über die mittelalterliche Gesellschaftsordnung verlieren, die in CK 2 recht getreu abgebildet wird. Das Lehnswesen bringt es mit sich, daß innerhalb jedes Herrschaftsraums zwischen Domänen und Lehen zu unterscheiden ist. Während der Lehnsherr (also unser Charakter) Domänen direkt als sein Eigentum kontrolliert, handelt es sich bei einem Lehen um ein Gebiet, über das wir nur indirekt verfügen, da es faktisch im Besitz eines unserer Vasallen ist. Vasallen sind so betrachtet keine einfachen Untergebenen, sondern selbstbewußte Adelige, die ihr Lehen eigenverantwortlich bewirtschaften und zum Teil über beträchtliche Hausmacht verfügen. Der richtige Umgang mit ihnen stellt daher einen weiteren wichtigen Aspekt der Spielmechanik dar.

 

Hierzu muß man noch wissen, daß das Verhältnis jedes Charakters zu allen anderen in CK 2 auftauchenden Persönlichkeiten über einen Beziehungswert definiert wird. Letzterer ist dynamisch und hat für die Stabilität meiner Herrschaft und den Erfolg meiner Politik große Bedeutung. So mag mir die Erhebung von Feudalsteuern für Adelige ratsam erscheinen, bei meinen Vasallen wird diese Idee aber nicht notwendigerweise auf Gegenliebe stoßen. Regiere ich mit allzu harter Hand und rutschen die Beziehungswerte zu den Untertanen in den Keller, kann dies gar zu Revolten oder meuchelmörderischen Verschwörungen gegen meine Autorität führen. Auf der anderen Seite ist es möglich, durch die Vergabe von Ehrentiteln wie „Mundschenk“, „Hofjägermeister“ oder „Hofstallmeister“ das Verhältnis zu störrischen Vasallen deutlich zu verbessern.

 

Natürlich kann man nicht nur mit seinen Vasallen und Höflingen, sondern auch mit anderen Herrschern in vielerlei Hinsicht interagieren. Hierfür steht eine ganze Palette diplomatischer Optionen zur Verfügung, die vom Hilfegesuch an Verbündete bis hin zum Attentat auf unliebsame Konkurrenten reicht. Hinzu kommt, daß ich – sofern ich nicht gerade ein unabhängiger Herrscher bin – selbst im Dienst eines mir übergeordneten Fürsten stehe. Dieser darf meinen Charakter wie auch meine Vasallen zu Aufgaben wie dem Anführen oder Ausheben von Truppen heranziehen. Solche Dinge werden vom Programm automatisch übernommen. Doch keine Bange: Auch wenn der Regent fern der Heimat weilt, kann man sich unabhängig davon weiterhin der Verwaltung seines Reiches widmen.

 

Das administrative Zentrum jeder Herrschaft stellt der aus fünf Personen bestehende Hofrat dar. Hier kann ich die fähigsten Männer meines Landes einsetzen, damit sie mir bei den Regierungsgeschäften zur Hand gehen. Sie sind jeweils für einen bestimmten Bereich (Diplomatie, Kriegskunst, Verwaltung, Intrige oder Bildung) zuständig und sollten in ihrem Metier über entsprechend große Fähigkeiten verfügen, da von diesen die Effektivität bei der Ausübung des Amtes abhängig ist. Jeder der fünf Würdenträger ist in der Lage, spezielle Aktionen auszuführen, wobei er dann als Spielfigur auf der Landkarte erscheint. So kann beispielsweise der Kanzler Ansprüche auf fremde Gebiete fingieren, Zwietracht im Ausland säen oder umgekehrt die Beziehungen zu einem benachbarten Fürstentum verbessern, während sich der Agentenführer unter anderem für den Aufbau eines Spionage-Netzwerks einsetzen läßt.

 

Selbstredend ist es in CK 2 auch möglich, Forschung zu betreiben. Hier gibt es die drei Bereiche Militär, Wirtschaft und Kultur. Sehr viel Einfluß auf diesen Aspekt hat der Spieler allerdings nicht: Im entsprechenden Menü darf man in jedem Sektor einen Schwerpunkt wählen, was einen Bonus hinsichtlich der Projektdauer mit sich bringt. Schnelle Durchbrüche sind aber auch dann nicht zu erwarten, denn die Entwicklung und Einführung neuer Techniken ging im Mittelalter nur langsam vonstatten. Darüber hinaus gibt es lediglich die Option, die Ratsmitglieder zur Unterstützung einzusetzen, indem man sie beispielsweise zum Kennenlernen oder Stehlen von Know-how ins Ausland schickt. Aber auch die Existenz mancher Infrastrukturen, wie etwa einer Universität oder einer Klosterschule, erhöht die prozentuale Chance auf technologischen Fortschritt.

Apropos Infrastrukturen: Je nach Größenordnung nehmen auch Bauaufträge oft erhebliche Zeit in Anspruch. Da wir uns in einer vorindustriellen Epoche bewegen, können hierbei durchaus Jahrzehnte ins Land gehen, so daß der amtierende Herrscher die Fertigstellung einer Stadtmauer oder einer prächtigen Burg möglicherweise gar nicht mehr selbst erlebt. Das führt uns gleich zu einem weiteren Aspekt, denn um an das für Bauwerke nötige Kleingeld zu kommen, ist die Erhebung von Steuern unerläßlich. Während die Grundsteuer automatisch aus den vorhandenen Besitztümern und Gebäuden zufließt, müssen Feudalsteuern, Stadtsteuern und Kirchensteuern manuell justiert werden. Letzteres erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl, da ein allzu deftiger Steuersatz zu Lasten der Beliebtheit des Regenten geht.

 

Die Sache ist aber noch verzwickter: Gesetzesänderungen wie eben die Erhebung eines höheren Steuersatzes sind nicht einfach per Dekret möglich, sondern müssen den Vasallen zur Abstimmung vorgelegt werden. Hat man die notwendige Mehrheit erhalten, sollte man auch weiterhin stets den Beziehungswert im Auge behalten, denn wird man von einem seiner Vasallen abscheulich gehaßt, leistet dieser geringere Abgaben an den Lehnsherren oder stellt gar die Zahlungen ganz ein. Einen besonderen Fall stellt die Kirchensteuer dar: Wenn der Bischof im eigenen Reich den Papst im fernen Rom lieber mag als meinen Charakter, so entrichtet er seinen Tribut kurzerhand an den Heiligen Stuhl.

 

Ebenfalls wichtig ist das in einem Herrschaftsgebiet geltende Erbrecht, mittels dessen die Thronfolge geregelt wird. Hier bietet CK 2 allerlei Formen, darunter Ältestenrecht oder Feudalwahl. Sehr weit verbreitet ist der sogenannte Gavelkind. Dieser sieht eine Aufteilung des Erbes unter den Söhnen vor, wobei der Älteste den wichtigsten Titel erhält – was dann in der Praxis bedeutet, daß man sich schnell mit der Gefahr einer Zersplitterung des zuvor mühselig aufgebauten Reiches konfrontiert sieht.

 

In der Regel kommen bei der Thronfolge übrigens nur die Vertreter des starken Geschlechts zum Zuge. Wenn Frauen überhaupt erbberechtigt sind, dann meist nur, wenn keine geeigneten Männer vorhanden sind. Für weibliche Herrscher gibt es die Möglichkeit, eine sogenannte matrilineare Hochzeit zu arrangieren. Denn in diesem Falle behält die Frau in der Ehe sozusagen die Hosen an, damit die eigenen Titel nicht an fremde Häuser gehen und so das Spiel jäh sein Ende findet. Das Erbrecht ist ein besonders kritischer Aspekt der Gesetzgebung und läßt sich im Spiel nur schwer ändern, was dann aufgrund der starken Verwurzelung in Traditionen die Hofgesellschaft sowie weite Teile der Bevölkerung verärgert.

 
   

Bevor ich mich dem Interface zuwende, sind noch einige Worte über das Militärwesen zu verlieren. Um es vorweg zu sagen: Gleichwohl sich Gebietsansprüche nicht selten nur mit Gewalt durchsetzen lassen, ist CK 2 kein Spiel für Wargamer, die eine detaillierte Darstellung militärischer Einheiten sowie differenziertes Armee-Management für unverzichtbar halten. Dennoch gilt es auch in dieser Hinsicht einige Punkte zu beachten.

 

Ein stehendes Heer ist im Unterhalt recht teuer und wird auch nicht unbedingt benötigt. Vielmehr ist es angebracht, im Kriegsfall Rekruten auszuheben. Wie viele Truppen adelige Vasallen und städtisches Bürgertum ihrem Lehnsherren stellen müssen, obliegt gleichfalls der Gesetzgebung, wobei wiederum gilt: Allzu hohe Anforderungen von Seiten des Herrschers drücken den Beziehungswert und vermindern somit seine Popularität. Alternativ dazu ist es auch möglich, Glaubenskrieger der Kirche oder kampfstarke Söldner anzuwerben, was allerdings eine gut gefüllte Staatskasse zur Voraussetzung hat.

 

Armeen werden ganz wie die auf Mission befindlichen Charaktere als Figuren auf der Karte angezeigt und lassen sich per Rechtsklick zum gewünschten Ziel dirigieren. Treffen sie dort auf einen Gegner, kommt es zum Kampf, der vom Programm auf unspektakuläre Art automatisch berechnet wird. In der Schlacht ist jede Armee in ein Zentrum und zwei Flügel gegliedert, wobei jede Formation von einem individuellen Befehlshaber geführt werden kann. Diese Kommandeure wenden je nach Stadium des Gefechts unterschiedliche Taktiken an, was sich jedoch der Einflußnahme entzieht. Geschlagene Armeen müssen aus der Provinz fliehen und können vom Gegner verfolgt werden. Auch ein kontrollierter Rückzug ist möglich, bei dem sich ein Sammelpunkt für die Truppen eigenhändig definieren läßt. Ein Aspekt mittelalterlicher Kriegsführung darf auch in CK 2 nicht fehlen, nämlich die Belagerung von Städten und befestigten Plätzen. Ein solches Unterfangen ist langwierig und erfordert eine klare Überlegenheit des Belagerers. Schließlich spielt auch die Marine eine gewisse Rolle, schon alleine deshalb, weil sich Inselstaaten nur über See erreichen lassen. Unnötig zu erwähnen, daß man sich zum Bau einer Flotte im Besitz einer Hafenstadt befinden muß.

 

Abgerundet wird die ganze Sache schließlich noch durch eine jederzeit aufrufbare tabellarische Gesamtübersicht des Kriegsverlaufs, welche alle bisherigen Siege und Niederlagen sowie den aus gewonnenen Schlachten und gemachten Eroberungen errechneten Kriegspunktestand aufführt. Hat man seine Ziele erreicht, den Feind gebrochen oder aber genug der herben Niederlagen eingesteckt, kann man dem Gegner Friedensangebote unterbreiten beziehungsweise um Gnade winseln. Auch ein Unentschieden ist möglich, was letztlich Anerkennung des Status quo bedeutet.

Mit dem bisher Gesagten dürfte bereits angedeutet sein, daß CK 2 nicht gerade ein strategisches Leichtgewicht ist, sondern ein komplexes Spiel mit vielen Handlungsmöglichkeiten. Es gäbe in dieser Hinsicht noch etliches zu erläutern, beispielsweise die Bedeutung der Religion und hier speziell die Funktion des Papsttums, das eine erhebliche Machtfülle besitzt und die gekrönten Häupter Europas zum Kreuzzug gegen Heiden und Moslems aufrufen kann. Doch ich übergehe diesen Punkt einfach und komme statt dessen auf die Steuerung des Programms zu sprechen.

Die Menüführung von CK 2 ist zwar recht verschachtelt und nicht ganz frei von Umständlichkeiten, nach einer gewissen Eingewöhnungszeit aber relativ gut zu handhaben. Nicht wenige Dinge sind sogar durchaus praktisch zu nennen. So ermöglicht mir eine Symbolleiste am oberen Bildrand den schnellen Zugriff auf die am häufigsten gebrauchten Schaltflächen, so etwa auf den Hofrat oder den Charakterbildschirm, der auch eine Übersicht der Vasallen und Höflinge enthält. Ebenso vorhanden ist eine Anzeige der aktuell angesammelten Prestigepunkte, der vorhandenen Finanzmittel und grundsätzlicher Daten zu meinen Domänen und Besitztümern. Weitere Informationen über die politischen, kulturellen und religiösen Verhältnisse in der Welt lassen sich mittels diverser Kartenfilter abrufen. Zwei nach Bedarf ausklappbare Nachrichtenfenster halten mich über die Vorgänge an fremden Höfen auf dem Laufenden.

 
   

Auch ganz nett: Liegen in meinem Reich gewisse Dinge im Argen oder sind besonders dringliche Angelegenheiten zu klären, so werde ich per Hinweis-Button auf bestehende Probleme aufmerksam gemacht. So etwa, wenn derzeit kein Thronfolger vorhanden ist, unzufriedene Vasallen sich erheben könnten oder ich den Anspruch auf einen Titel geltend machen darf. Zugleich kann ich mich mit einfachem Mausklick auf den Button in den entsprechenden Bildschirm begeben, um dort Genaueres in Erfahrung zu bringen oder mich sogleich an die Bearbeitung des Falls zu machen.

 

Nicht zu vergessen sind zudem die vielen Tooltips, welche mir die Orientierung erleichtern, indem sie zum Beispiel vor dem Ausführen einer Aktion auf eine mögliche Veränderung meiner Charakterattribute oder der Beziehung zu bestimmten Personen hinweisen. Speziell für Einsteiger gibt es schließlich noch die Möglichkeit, beim Anwählen von Menüpunkten hilfreiche Erläuterungen zum jeweiligen Bildschirm einzublenden.

Die deutsche Übersetzung des Handbuchs ist übrigens recht gut gelungen und aufgrund des ironischen Untertons auch vergnüglich zu lesen. Übersichtlich und informativ ist der umfangreiche Appendix, der unter anderem die diversen Erbfolgegesetze sowie die große Zahl an Charaktereigenschaften beschreibt. Die lokalisierten In-Game-Texte sind leider nicht von derselben Qualität und fallen immer wieder einmal durch kryptisch anmutende Platzhalter, eigenwillige Grammatik und deutsch-englisches Kauderwelsch unangenehm auf. Hinsichtlich der Dokumentation wollen wir einen Kritikpunkt nicht verschweigen: Das Handbuch erläutert zwar höchst artig alle relevanten Aspekte der Steuerung, läßt uns aber über viele grundlegende Elemente der Spielmechanik im Unklaren. So erfahren wir zwar, wie unsere Armeen zu lenken und zu managen sind, lernen aber kaum etwas über die in CK 2 möglichen Kriegsgründe, von denen nicht wenige durch politisches Geschick konstruiert werden müssen, bevor wir überhaupt in den Krieg ziehen dürfen.
 Kommen wir nun zum Resümee: CK 2 fesselt nicht nur durch angemessene Spieltiefe, großen Detailreichtum und gediegene Mittelalter-Atmosphäre, sondern läßt darüber hinaus aufgrund seiner Offenheit eine Vielzahl an Vorgehensweisen zu, so daß hier vor allem Hobby-Historiker mit Hang zum Experimentellen gut bedient werden. Zudem macht das Ganze dank passabel agierender Computergegner auch gegen die KI Spaß. Beim Stichwort „Echtzeit“ muß man sich übrigens keine Sorgen machen, denn die Spielgeschwindigkeit läßt sich extrem verlangsamen (und in ereignislosen Phasen ebenso beschleunigen). Auch ist es jederzeit möglich, das Programm zu pausieren, um in aller Ruhe seine Entscheidungen fällen zu können.

 

Die lobenswerte Flexibilität des Spielsystems kann andererseits den Einsteiger vor gewisse Probleme stellen, da nicht ohne weiteres ersichtlich ist, was man eigentlich am besten als erstes tun sollte. Zu bedenken ist vor allem, daß mit dem Rang der eigenen Spielfigur auch der Komplexitätsgrad gehörig steigt, denn ein größeres Reich bedeutet auch mehr Verwaltungsaufwand, mehr Hofstaat, mehr Familie und schließlich auch mehr reale oder potentielle Konkurrenten. Für den Novizen empfiehlt es sich daher, erst einmal klein anzufangen und allmählich die Zusammenhänge zu erschließen.

 


 

 

Systemvoraussetzungen

  • Windows XP, Vista, 7
  • 2,4 GHz-Prozessor
  • 2 GB RAM
  • 2 GB freier Festplattenspeicher
  • 256 MB-3D-Grafikkarte (DirectX 9)

 

 

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Post Author: Admin

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