Alea Jacta Est

ba7684d074b1abdf64f7c3528e5014d4Nachdem AGEOD mit „Pride of Nations“ eher experimentelle Wege beschritten hat, kehren die Franzosen mit ihrem jüngsten Titel „Alea Jacta Est“ zur Tradition des Hauses und somit zu ihrer etablierten AGE-Engine zurück. Allerdings erschließen die als Experten für das Zeitalter der Muskete bekannten Entwickler dabei durchaus neues Terrain, nämlich die Epoche des römischen Reiches.

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„Alea iacta est“ – wer in der Schule Lateinunterricht genießen durfte, wird diesen berühmten Spruch des Gaius Julius Cäsar wahrscheinlich noch in Erinnerung haben. Im Deutschen hat sich die – im Grunde nicht ganz korrekte – Übersetzung „Die Würfel sind gefallen“ eingebürgert. Angeblich sagte Cäsar dies, als er mit seiner Armee den Rubikon überschritt und so im Januar des Jahres 49 v.Chr. den Bürgerkrieg gegen seinen Rivalen Pompeius Magnus gewissermaßen offiziell eröffnete.

Damit sind wir auch schon beim Thema von „Alea Jacta Est“ (AJE). Es geht hier um einige der vom römischen Imperium ausgetragenen militärischen Konflikte, wobei der historische Bogen vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis zum dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gespannt wird. Einen gewissen Schwerpunkt bildet dabei natürlich die bereits angesprochene Phase der römischen Bürgerkriege, zu der nicht nur Cäsars Ringen mit Pompeius, sondern auch der Kampf zwischen Sulla und Marius zu rechnen ist. Wem all diese Namen so gar nichts sagen wollen, der kann sich die in jedem Szenario verfügbaren historischen Hintergrundinformationen zu Gemüte führen.

Apropos Szenarien: Davon sind in AJE fünf an der Zahl enthalten. Hinzu kommt noch ein Tutorial, das sich vor allem an AGEOD-Neulinge wendet und in die Grundlagen von Bewegung und Kampf einführt. Verschaffen wir uns kurz einen Überblick: Da hätten wir einmal den Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla, der zeitgleich mit einem Krieg der Römer gegen das kleinasiatische Königreich Pontus unter König Mithridates VI. stattfand (59 Runden), dann den dritten Krieg gegen besagten Mithridates zwischen 75 und 69 v.Chr. (67 Runden) und selbstverständlich den Bürgerkrieg zwischen Cäsar und Pompeius (121 Runden). Von den verbleibenden zwei Szenarien beschäftigt sich das eine mit dem sogenannten Ersten Vier-Kaiser-Jahr, in dem um die Nachfolge des verstorbenen Imperators Nero gerungen wurde (25 Runden), das andere hingegen mit dem Aufstieg des Septimius Severus, der nach den Wirren des Zweiten Vier-Kaiser-Jahrs (193 n.Chr.) seine Rivalen in blutigen Schlachten ausschalten und in den Rang des Alleinherrschers aufsteigen konnte (49 Runden).

Selbstredend lassen sich alle genannten Feldzüge nicht nur gegen die KI, sondern mittels PBEM-Modus auch gegen einen menschlichen Gegner austragen. In diesem Bereich gibt es übrigens eine kleine, aber feine Verbesserung: Kam in den Vorgängern alleine der Host der Partie in den Genuß der simultanen Zugauflösung, während sich die Gegenseite das Geschehen der letzten Runde lediglich über das Nachrichtenfenster rekonstruieren konnte, so verfügt AJE über eine Replay-Funktion, die auch dem nicht-hostenden Spieler das Verfolgen des Rundenablaufs in Echtzeit ermöglicht.
In diesem Zusammenhang ist außerdem zu erwähnen, daß die in „Pride of Nations“ erprobte Praxis, ein Programm nach und nach durch käufliche Download-Inhalte zu erweitern, für AJE übernommen wurde. In Gestalt eines Szenarios über den Spartakus-Aufstand ist bereits der erste DLC für das Spiel verfügbar. Ich persönlich hoffe darauf, daß man mit AJE eines Tages auch den Zweiten Punischen Krieg bestreiten und dabei Hannibal vor die Tore Roms führen darf!

 Kenner der AGEOD-Produkte können im Prinzip sofort loslegen, denn an den Grundsätzen des bewährten Spielsystems, das den Schwerpunkt auf die operative Führung militärischer Verbände legt, hat sich nichts geändert. Jeder Spielzug wird im WEGO-Modus bestritten, stellt nun allerdings einen Monat statt wie bisher fünfzehn Tage Realzeit dar. Siegpunkte sammelt man wie üblich durch Triumphe auf dem Schlachtfeld, die Zerstörung feindlicher Einheiten sowie durch die Eroberung bzw. das erfolgreiche Behaupten strategisch bedeutsamer Ortschaften.

Wie in allen AGEOD-Titeln ist auch in AJE das Management der eigenen Truppen und Kommandeure von zentraler Bedeutung. Die Abbildung der militärischen Organisation ist so detailliert wie eh und je, birgt bei genauerem Hinsehen aber auch einige Änderungen. Das liegt zum einen daran, daß die neuzeitliche Gliederung einer Armee in Korps, Divisionen und Regimenter in der Antike noch nicht existierte. Der zweite auffällige Unterschied zu den Vorgängern betrifft natürlich die historisch getreu dargestellten Einheiten. Wer es bislang gewohnt war, in „Rise of Prussia“ preußische Grenadiere oder in „Napoleon´s Campaigns“ französische Linieninfanterie zu führen, muß sich nun auf Legionäre, Speerwerfer, Kriegselefanten, Bogenschützen, griechische Hopliten und andere für das Altertum typische Einheiten einstellen.

Dem Veteranen ebenfalls vertraut ist die Unterscheidung in Element, Einheit und kombinierbare Einheit: Die sogenannten Elemente stellen im Spiel die kleinste militärische Organisationsform dar. Ein einzelnes Element läßt sich nicht direkt steuern, sondern fungiert als Teil einer komplexeren Einheit, welche normalerweise auch unabhängig auf der Karte operieren kann. Die nach Element und Einheit dritte Gliederungsebene betrifft schließlich die kombinierbaren, d.h. durch den Spieler selbst erstellten Verbände. So ist es mir beispielsweise möglich, mehrere Legionen zusammenzufassen und als Ganzes zu bewegen.

Für den Erfolg oder Mißerfolg eines solchen Truppenkörpers auf dem Schlachtfeld ist die richtige Führung durch Kommandeure entscheidend. Beim Aufbau gefechtstüchtiger Formationen ist insbesondere zu bedenken, daß man für jede Einheit Kommandokosten aufbringen muß, was auf Seiten der Offiziere einer gewissen Anzahl einsetzbarer Kommandopunkte entspricht. Befehligt ein Anführer mehr Einheiten, als er straffrei befehligen darf, treten unangenehme Mali hinsichtlich Effektivität und Beweglichkeit der Formation in Kraft. Die Höhe der vorhandenen Kommandopunkte hängt vom jeweiligen Rang ab. Wie auch die Vorgänger unterscheidet AJE zwischen Ein-, Zwei- und Drei-Sterne-Generälen, wobei auf römischer Seite historische Amtsbezeichnungen wie Legat, Prätor oder Konsul Verwendung finden.

Ganz der AGEOD-Tradition folgend gibt es eine riesige Auswahl an Kommandeuren, wobei jeder Offizier über Werte in den Kategorien „Strategie“, „Offensive“ und „Defensive“ verfügt. Hinzu kommen jedoch unter Umständen noch individuelle Charakteristika, die beileibe nicht immer von Vorteil sind. Hier reicht die Palette von „charismatisch“, „talentiert“ und „tapfer“ bis hin zu „rücksichtslos“, „inkompetent“ und „übervorsichtig“. Mancher Anführer zeichnet sich durch Begabungen in bestimmten Bereichen aus und ist beispielsweise begnadeter Logistiker, Defensivkünstler oder meisterhafter Taktiker, was seinen Soldaten entsprechende Vorteile im Gefecht verschafft. Natürlich stehen im Spiel Prominente wie Julius Cäsar, Pompeius und Sulla persönlich bereit, um an der Spitze ihrer Armeen in die Schlacht zu ziehen.

Wie gehabt werden Schlachten während der Ausführungsphase automatisch berechnet, sobald sich verfeindete Truppen in einer Region begegnen und keiner der Kontrahenten den Rückzug antritt. Da jedes Element einer Einheit schon für sich betrachtet über etliche Attribute und gegebenenfalls auch Spezialfähigkeiten verfügt, wirken unzählige Parameter an der Berechnung des Gefechtsverlaufs mit. Eine Rolle spielen auch die auswählbaren defensiven und offensiven Verhaltensmuster. Alle Details einer Schlacht lassen sich im Ergebnisbericht einsehen, wobei es im Bedarfsfall möglich ist, das Abschneiden jedes einzelnen Verbandes und Offiziers genau zu untersuchen.

Der Kriegsnebel wird dynamisch gehandhabt, so daß der Feindverbände und Kartenregionen betreffende Informationsgrad prozentual zunimmt, genauso gut aber auch wieder abnehmen kann. Hierbei sind allerlei Faktoren von Relevanz, etwa die Verbergungs- und Entdeckungswerte der Einheiten oder die Dauer der eigenen Präsenz in unbekanntem Terrain. Außerdem beherrsche ich ein Gebiet nicht einfach, indem ich es einmal betrete. Die Kontrolle über eine Provinz kann vielmehr durchaus geteilt sein, d.h. jede Kriegspartei übt einen gewissen Prozentsatz an Einfluß aus, was sich überdies an der Loyalität der Bevölkerung bemerkbar macht. Die Kontrolle erhöht sich erst mit der längeren Anwesenheit militärischer Kräfte und hat Auswirkungen auf Zusammenhalt, Aufklärungswert und Versorgungslage meiner Truppen.

Da wir gerade beim Thema „Karte“ sind: Diese ist wieder einmal sehr hübsch geraten und weist wie üblich die bereits angedeutete Gliederung in unzählige Regionen auf. Abgebildet wird dabei das gesamte Einflußgebiet des römischen Imperiums im Mittelmeerraum sowie auch angrenzende Gebiete in Nord- und Osteuropa, Kleinasien und Nordafrika. Überhaupt gelingt es AGEOD einmal mehr, im Bereich der ästhetischen Präsentation Punkte zu sammeln und dabei ein authentisches historisches Flair zu erzeugen. Sichtbare Infrastrukturen wie Städte und Siedlungen, Häfen und Feldbefestigungen werden im antiken Stil dargeboten, und die typischen Einheitenportraits weisen viele farbenfrohe Details auf.

 

Sprechen wir nun von weiteren Unterschieden zu den älteren Titeln, denn es gibt natürlich einige neue Features, um dem andersartigen geschichtlichen Kontext gerecht zu werden. So wurde das Kampfsystem zugunsten von Werten wie Nahkampf und Schock-Angriff modifiziert, da Fernwaffen (obgleich in Form von Speeren usw. vorhanden) für die antike Kriegsführung noch keine überragende Bedeutung hatten. Überdies enthält AJE eine ganze Menge neuer Anführer-Fähigkeiten.
Besonders auffällig ist der Umstand, daß eine reguläre römische Legion in der Lage ist, an Ort und Stelle Belagerungswaffen herzustellen, um die Wehranlagen einer feindlichen Stadt schneller zerstören zu können. Das entsprechende Gerät ist jedoch statisch und verschwindet sofort, wenn die Belagerung abgebrochen oder erfolgreich beendet wird. Umgekehrt besitzen jetzt einige Städte ballistische Verteidigungswaffen (Katapulte), die dem Angreifer das Leben erschweren. In manchen Szenarien sind sogar mobile Belagerungseinheiten enthalten, die allerdings äußerst schwerfällig und daher langsam sind. Es gäbe noch einige weitere Änderungen zu erwähnen – etwa, daß sich nur römische Legionäre auf freiem Feld verschanzen können oder Reiterei nicht mehr an der Erstürmung einer Stadt teilnehmen darf -, aber diese fallen bezüglich des Spielablaufs nicht auffallend ins Gewicht.

Den antiken Verhältnissen angepaßt wurde auch das System der strategischen und politischen Optionen. So ist es beispielsweise möglich, Sklaven in den Kriegsdienst zu zwingen oder zum Vergnügen des Volkes Spiele (Gladiatorenkämpfe) zu veranstalten, was die nationale Moral der eigenen Seite anhebt. Auf vergleichbare Weise funktioniert der Entscheidungsmodus („Decision Mode“), der es erlaubt, ökonomische und soziale Maßnahmen in ausgewählten Regionen vorzunehmen. So lassen sich nicht nur Gebiete plündern und deren arglose Bewohner versklaven, sondern auch soziale Reformen durchführen, verwilderte Landstriche kultivieren, Handelsposten einrichten, Straßen anlegen und etliches mehr.

Solche Aktionen dienen in der Regel dazu, die Loyalität der Bevölkerung zu steigern, auf die Schnelle Mittel für die Kriegsführung einzutreiben oder aber langfristig das Einkommen zu erhöhen, was vor allem bei der kulturellen Erschließung von Gebieten der Fall ist. Freilich ist all dies nicht kostenfrei und daher mit barer Münze, sogenannten „Engagement Points“ und eventuell auch mit Siegpunkten zu bezahlen. In diesem Zusammenhang bleibt anzumerken, daß Geld vor allem durch Städte, Häfen, Marktplätze und Handelsschiffe (sofern sich diese in Handelszonen aufhalten) generiert wird. Dem stehen jedoch auch ständige Unkosten gegenüber, denn in jeder Runde wird der Unterhalt für unsere Armeen fällig.

Der wohl wichtigste Grund, mit seinen Ressourcen zu haushalten, besteht in der Notwendigkeit zur Aufstellung neuer Einheiten. Auch dies ist dem erfahrenen AGEOD-Spieler wohlbekannt: Im Produktionsmodus lassen sich alle aktuell herstellbaren Einheiten nach Truppengattungen sortieren, wobei mir ein Kartenfilter die jeweils als Produktionsort in Frage kommenden Regionen innerhalb meines Machtbereichs anzeigt. Habe ich meine Wahl getroffen, ziehe ich die zu bauende Einheit einfach per Drag & Drop auf eine der farblich markierten Provinzen. Die frisch ausgehobene Truppe erscheint sogleich auf der Karte, jedoch dauert es einige Spielzüge, bis die volle Mannschaftsstärke erreicht und der Verband einsatzfähig ist.

Kommen wir zum abschließenden Resümee: Mit AJE beweist das AGEOD-Team die große Flexibilität seiner Engine, die mit dem antiken Sujet erstaunlich gut zurecht kommt und auch das entsprechende historische „Feeling“ zu vermitteln weiß. Außerdem überzeugen die abwechslungsreichen und herausfordernden Szenarien. So sieht man sich in der Regel mit vielen, über das ganze römische Reich verstreuten Brennpunkten konfrontiert, wobei mitunter auch Barbarenvölker, römische Alliierte oder rivalisierende Reiche kräftig mitmischen. Hierbei gilt es, Prioritäten zu setzen und die oft knappen Mittel geschickt und planvoll zu verwalten. Auf der anderen Seite muß man jedoch zugestehen, daß nicht wenige der am Spielsystem vorgenommenen Änderungen letztlich eher kosmetischer Natur sind und sich daher das Spielgefühl nicht deutlich von demjenigen der Vorgänger unterscheidet. Da AJE trotzdem gehörig Spaß macht, dürfen sowohl Fans als auch Neulinge getrost zugreifen, zumal das Programm in der Basis-Version zu einem recht erschwinglichen Preis vertrieben wird. Wer dem Entwicklerteam unter die Arme greifen will, kann auch erwägen, eine der beiden Sondereditionen von AJE zu erwerben. Diese sind zwar ungleich teurer, dafür aber mit Bonusinhalten ausgestattet.

 


 

 

Systemvoraussetzungen

  • Windows XP/Vista/7
  • Pentium IV-Prozessor (oder vergleichbar)
  • 128 MB-Grafikkarte (DirectX 9)
  • 1 GB RAM
  • 4 GB freier Festplattenspeicher

 

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