Heavy Rain

1708c1030890b0347fdf1f8ae38fe297Mit Heavy Rain hat Sony einen PlayStation 3 Exklusivtitel in die Bresche geworfen, auf welchem eine große Last ruht. Seit der ersten Ankündigung dieses Titels wird von nicht weniger als einem bisher nie da gewesenen Spielgefühl seitens der Entwickler gesprochen. Es soll etwas Neues gezeigt werden, was bisher kein anderes Programmierteam geschaffen hat. Ein Adventure der cineastischen Art mit großartigem Drehbuch und fesselnder Story, vielen Freiheiten für den Spieler mit einem neuartigen Steuerungskonzept, grandiose und realistische Grafiken, ein interaktives Drama inklusive Spannung bis in die Haarspitze…

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Bescheiden geben sich Entwickler bei der Ankündigung eines neuen Titels bekanntlich niemals. Trotzdem hätte Sony bei der Ankündigung von Heavy Rain nicht tiefer in die Kiste des Stolzes greifen können. Die Liste der Features aus dem Teaser dieses Artikels ließe sich noch beliebig erweitern. Diese Ankündigungen und Vorschusslorbeeren haben natürlich zu einer riesigen Erwartungshaltung in der Spielewelt geführt, denen schon so mancher Titel in der Vergangenheit nicht gerecht werden konnte. Man denke nur an das prominente Beispiel „Black & White“ von Peter Molyneux aus dem Jahre 2001.
Hat sich Sony nun verhoben und kommt letztendlich wieder der bekannte Hochmut vor dem Fall? Diese Frage kann direkt zu Beginn mit einem klaren Nein beantwortet werden. Mit Heavy Rain hat der Entwicklerstudio um Quantic Dream nicht weniger geschaffen als ein wahres Meisterwerk der Videospielgeschichte!

Ein Meisterwerk bedarf zwingend einer fesselnden Story, insbesondere wenn es sich um ein Adventure handelt. Eine Geschichte, die den Spieler so intensiv vor dem Fernseher fesselt wie ein spannendes Buch den Leser im Bett vor der Leselampe. Genau dies bietet sich dem Spieler bei Heavy Rain. Immer wieder wird der Spieler dazu verleitet „nur noch ein paar Minuten“ weiter zu spielen. Die Stunden verfliegen nur so im Verlauf des Spiels.

Der Leser soll an dieser Stelle beruhigt werden. Innerhalb dieses Artikels werden wir nur grob auf die Geschichte eingehen um keine Spannung vorweg zu nehmen. Deswegen sei die Story zum allgemeinen Verständnis an dieser Stelle nur grob umrissen: Anfangs erscheint alles sehr idyllisch zu sein. In einer Art Tutorial wird eine glückliche Familie gezeigt. Der Spieler kann die Grundzüge der Steuerung im Körper eines glücklichen Familienvaters erlernen, indem alltägliche Situationen gemeistert werden müssen. Duschen, anziehen, Essen kochen und mit den Kindern rumalbern. Doch in der Stadt an der Ostküste der USA geschehen schlimme Dinge. Zuerst verliert die Familie durch einen traurigen Schicksalsschlag einen Sohn. Zudem geraten immer wieder Kinder in die Fänge eines mysteriösen Killers, welcher sein Opfer jedes mal innerhalb von vier Tagen tötet und eine Origami-Faltfigur hinterlässt. Als wäre der Verlust eines Sohnes nicht schon schwer genug zu verkraften, gerät der  zweite Sohn der Familie in eben die Fänge dieses Killers. Der in tiefe Depressionen verfallene Vater wird zu diesem Zeitpunkt auch noch vom Entführer kontaktiert, der ihm fünf Prüfungen auferlegt um das Leben seines Sohnes zu retten. Der Familie bleiben nun vier Tage zwischen Verzweiflung und Hoffnung, in denen der Sohn vor dem sicheren Tod bewahrt werden soll…

Innerhalb der vier besagten Tagen schlüpft der Spieler abwechseln in die Rollen von vier Charakteren. Neben dem eingangs erwähnten depressiven Familienvater wären da noch ein junger, motivierter Profiler vom FBI, ein korpulenter Privatdetektiv sowie eine attraktive Fotografin. Die Geschichte wird dabei nicht einfach erzählt, sie wird cineastisch inszeniert! Die verschiedenen Handlungsstränge der vier unterschiedlichen Charaktere treffen sich immer wieder im Verlauf der Geschichte.

Der Spieler kann dabei im Verlauf des Spieles den Charakter jedes einzelnen Protagonisten in gewissem Maße beeinflussen. In nahezu jeder Situation existieren verschiedene Reaktionsmöglichkeiten. Soll eher sachlich oder doch forsch und grob vorgegangen werden? Soll der Charakter höflich sein oder aggressiv vorgehen? Die Wahl beeinflusst an jeder Stelle den weiteren Verlauf des Spiels. Oftmals handelt es sich „nur“ um moralische Entscheidungen, die einen großen Einfluss auf die weitere Geschichte des Charakters nehmen. Auch wenn der Ausgang vieler Szenen festgelegt ist, gehen andere Situationen durchaus so weit, dass ein Charakter stirbt. Dieser virtuelle Tod ist allerdings keineswegs mit dem Ende des Spieles und einem laden des letzten Spielstandes verbunden. Mitnichten! Die Story wird auch nach dem Ableben eines oder mehrerer Charaktere weitergesponnen und endet in mehreren, individuellen Ausgängen. Für einen erhöhten Wiederspielwert ist also gesorgt!

Die Entscheidungsfindung ist dabei sehr stark inszeniert. Die verschiedenen Möglichkeiten schwirren quasi um den Protagonisten herum. Je nach Spannung der aktuellen Szene werden diese Möglichkeiten schneller animiert oder verzerrter dargestellt. Viele Entscheidungen müssen dabei unter starkem Zeitdruck getroffen werden und auch die Entscheidung für keine der angebotenen Alternativen wird vom Spiel als eine Entscheidung interpretiert. Die Spannung der Situation wird durch dieses System hervorragend auf den Spieler übertragen. Man klebt förmlich vor dem Fernseher in der hektischen Absicht innerhalb kürzester Zeit die verschiedenen, verzerrt dargestellten Texte und die dazugehörigen Tasten zu entziffern. Die Vibration im Controller sorgt zudem für eine Verstärkung des eigenen Herzschlages. Dies führt mitunter dazu, dass man selber in eine solche Hektik verfällt, dass man eine vorschnelle Entscheidung trifft. Mit den Konsequenzen aus der Entscheidung muss der Spieler dann leben. Ein Zurück gibt es nicht.

Die Auswahl der Handlungsalternativen durch das Drücken einer entsprechenden Taste ist dabei nur ein kleiner Teil der neuartigen Steuerungsmechanik. Im Laufe des Spiels kommen quasi alle Funktionen des Sixaxis-Controllers zum Einsatz. Mit dem linken Stick wird die Spielfigur bewegt. Spezielle Symbole in der Umgebung zeigen Interaktionspunkte an. Diese werden zum großen Teil mit dem rechten Stick ausgeführt. Manchmal muss der Stick einfach in eine Richtung bewegt werden. Ein anderes Mal benötigt es einer kreisförmigen Bewegung verschiedener Längen. Manchmal müssen diese Bewegungen unter Zeitdruck ausgeführt werden, ein anderes Mal wiederum besonders behutsam. Aber nicht nur der rechte Analogstick kommt zum Einsatz. So muss mitunter das komplette Pad gerüttelt werden. Manchmal sind aber auch nur Bewegungen in eine spezielle Richtung oder um die Achse des Controllers notwendig. Natürlich auch teilweise unter Zeitdruck. Damit nicht genug. Auch die Tasten kommen ins Spiel und müssen hintereinander und auch gleichzeitig gedrückt werden, so dass ein Umgreifen notwendig wird. Diese Abwechslung im Gameplay bringt eine besondere Dynamik ins Spielgefühl, die auch den geübten Spieler durch drei verschiedene Schwierigkeitsgrade jederzeit fordert. Aber keine Angst. Eine zu langsame Reaktion bedingt nicht unbedingt sofort das Ableben des Charakters. Wird einmal eine Aktion nicht rechtzeitig ausgelöst, reagiert das Spiel auch darauf und führt die Szene individuell weiter. So kann ein Fehltritt immer wieder gutgemacht werden.

Ein kleiner Nachteil muss an dieser Stelle trotzdem genannt werden, denn die Interaktionsmöglichkeiten mit der Umgebung halten sich allzu oft doch in sehr engen Grenzen. Oftmals kann wirklich nur mit genau den Gegenständen agiert werden, die für die Handlung notwendig sind. Knackige Rätsel tauchen dabei auch nicht auf. Im Grunde genommen gibt es eigentlich überhaupt keine Rätsel. Einzig in der Haut des FBI-Agenten müssen verschiedene Hinweise und Indizien kombiniert oder mal ein Überwachungsvideo ausgewertet werden. Um Rätsel im eigentlichen Sinne eines Adventures handelt es sich dabei aber nicht. Man spielt vielmehr einen interaktiven Film mit unterschiedlichen Ausgängen. In fast jeder Situation kann sich der Spieler zudem die Gedanken der Spielfigur anhören um zu erfahren, was als nächstes zu tun ist. Diese „Selbstgespräche“ unterstützen aber nicht nur beim Weiterkommen, sondern tragen auch zur großartigen Atmosphäre bei.
Zudem sollte auch die Interaktionsmöglichkeit innerhalb von Gesprächen einer Erwähnung wert sein. Die Entwickler haben sogar in stinknormale Gespräche eine Dynamik integriert, indem der Spieler nicht stur bei dem Gesprächspartner stehen bleiben muss. Er kann sich vielmehr frei in der Spielwelt bewegen, sich an Wände anlehnen oder auf ein Bett setzen, Bilder in die Hand nehmen oder aus einem Fenster gucken. Jede Interaktion ist mit einem Wechsel der Kameraperspektive verbunden, die dem Spieler wirklich das Gefühl vermittelt inmitten eines grandiosen Spielfilms zu sein.

Leider sorgt ein plötzlicher Wechsel der Perspektive, besonders zu Beginn des Spiels dafür, dass man die Spielfigur mitunter in die falsche Richtung lenkt. Besonders in zeitkritischen Situationen kommt es deswegen zu unnötiger Hektik. Nach einer kleinen Eingewöhnungszeit kommt man aber mit den Eigenheiten der Bewegungssteuerung klar. In jeder Situation kann zudem auf eine alternative Kameraansicht umgeschaltet werden um wirklich jeden Winkel einer Szene untersuchen zu können.

Grafisch befindet sich Heavy Rain auf einem absoluten Topniveau! Das ist aber auch kein Wunder, wurden doch keine Kosten um Mühen gescheut um das Spielerlebnis möglichst authentisch darzustellen. So wurden Castings mit richtigen Schauspielern durchgeführt, die ihr Alter Ego für das Polygon-Ebenbild hergeben. Die Charaktere wurden bis in das allerkleinste Detail nachgebildet. Besonders gut erkennbar wird dies in den kurzen Ladebildschirmen, in denen einzelne Gesichter in Nachaufnahme gezeigt werden. Hier kann tatsächlich jede einzelne Wimper gezählt werden und sogar die Poren in der Haut sind erkennbar. Alle Charaktere verfügen weiterhin über verschiedene Mimiken, die Gesichtsausdrücke passen wirklich in jeder Situation zur Geschichte. Es wirkt einfach absolut authentisch, wenn der glückliche drein guckende Ethan mit seinen zwei Kindern im Karten tobt, Shelby bei einem Gespräch locker an einer Wand lehnt oder Madison hundemüde in einer schlaflosen Nacht durch die Küche taumelt.
Die Animationen stehen in ihrer Qualität dabei in keinster Weise hinten an. Die im Motion Capture Verfahren eingefangenen Bewegungen wirken in wirklich jeder Situation absolut realistisch. Man sieht sich quasi inmitten eines Films mit echten Schauspielern. Hier wurde von Quantic Dream sehr viel Wert auf eine realistische Darstellung gelegt. Und diese Liebe zum Detail sieht man dem Spiel auch deutlich an. Nie wurden virtuelle Kämpfe so realistisch, liebevoll, detailverliebt und spannend realisiert, wie in Heavy Rain.

Für einen runden Abschluss des Meisterwerks sorgt die Soundkulisse. Auch in diesem Punkt wurde einer erstklassigen Qualität oberste Priorität eingeräumt. Die deutschen Synchronsprecher passen allesamt sehr gut zu ihren Charakteren. Dabei merkt man sehr deutlich, dass professionelle Schauspieler für die Vertonung gesorgt haben. Die Emotionen der Sprache passen in nahezu jeder Spielsituation zum Charakter und wirken absolut realistisch. Professioneller kann eine Umsetzung in diesem Punkt wohl nicht sein. Dies trägt sehr viel zur sowieso schon sehr packenden Atmosphäre bei. Einfach klasse!
Passend sind zudem auch die Soundeffekte. Knallt man einem Wiedersacher die Tischlampe auf den Schädel, knallt es auch ordentlich aus den Boxen. In spannenden und zeitkritischen Situationen wird zudem auch noch ein Herzschlag unterlegt um die Spannung noch weiter in die Höhe zu treiben. Die Qualität wird auch mit der Hintergrundmusik auf sehr hohem Niveau gehalten. Niemals wirkt diese aufdringlich oder gar nervig, sondern fügt sich von Anfang bis Ende situationsabhängig immer schön in das Spiel ein.

In perfekter Symbiose aus Grafik und Sound wird in Heavy Rain die Umgebung inszeniert. An dieser Stelle sei einmal ein Beispiel zur Verdeutlichung genannt. Im Laufe des Spiels betritt der Spieler in einer Szene eine gefüllte Diskothek. In vielen Spielen wurde eine solche Szene bereits integriert, allerdings noch nie in einer solchen Qualität. Die Location wirkt absoulut realistisch. Alles passt nahtlos ineinander. Die vielen unterschiedlichen Gäste tanzen im individuellen Stil zur Techno-Musik. Der Club wirkt dabei realistisch voll. Wenn man seinen Charakter durch die Massen über die Tanzfläche navigiert, wird auch dieses absolut realistisch simuliert. Man kommt nur sehr langsam voran, muss sich zwischen tanzenden Gästen mit realistischen Animationen durchquetschen oder auch mal einen kleinen Umweg in Kauf nehmen. Diese Liebe zum Detail merkt man Heavy Rain von der ersten bis zur letzten Minute an. Dieses Spiel legt die Messlatte für die Konkurrenz nochmal ein gutes Stück höher.

 

 

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