Rise of Prussia

0f1da9256ff34564ae41423c283f5c89Mit überaus erfolgreichen Strategiespielen hat sich AGEOD im Laufe der letzten Jahre als Experte für das Zeitalter von Pulverdampf und Muskete empfohlen. Diese Tage ist „Rise of Prussia“, der jüngste Streich des französischen Entwicklers, endlich auf den Markt gelangt. Nachdem wir bereits in unserer Vorschau über den neuen Titel berichtet haben, folgt nun der ausführliche Testbericht!

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In „Wars in America“ hat AGEOD das Ringen der Briten und Franzosen um die Vorherrschaft über Nordamerika thematisiert. Wenig bekannt ist, daß es sich beim sogenannten „French and Indian War“ um den außereuropäischen Schauplatz des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) handelt. Mit „Rise of Prussia“ (RoP) führt uns AGEOD in das Zentrum dieses multinationalen Konfliktes, in dem das aufstrebende Preußen unter Friedrich dem Großen und sein englischer Verbündeter einer sowohl zahlenmäßig als auch materiell weit überlegenen Koalition der Monarchen Österreichs, Rußlands und Frankreichs gegenüberstanden.

Wer bereits mit „Wars in America“, „Napoleon´s Campaigns“ oder „American Civil War“ Bekanntschaft schließen durfte, wird sich in RoP auf der Stelle heimisch fühlen, denn grafischer Stil, Benutzeroberfläche und Spielmechanik der Vorgänger wurden weitgehend belassen. Allerdings wartet RoP mit einigen neuen Features auf, von denen später noch die Rede sein soll.

 

Doch zunächst für alle potentiellen Neueinsteiger das Wichtigste in Kürze: RoP ist eine rundenbasierte Konfliktsimulation, die ihren Schwerpunkt auf die operative Führung militärischer Verbände legt, aber auch einige strategische Elemente integriert. Jeder Spielzug, der 15 Tage Realzeit darstellt, wird im „WEGO-Modus“ bestritten und teilt sich entsprechend in zwei Abschnitte: Während dem Spieler in der Planungsphase alle Zeit der Welt zur Verfügung steht, seine Vorgehensweise auszutüfteln und Befehle zu erteilen, werden in der Ausführungsphase alle Aktionen der eigenen wie auch der gegnerischen Seite simultan abgearbeitet, ohne daß hier die Möglichkeit des Eingreifens bestünde.

Gespielt wird das Ganze auf einer detaillierten und recht farbenfrohen Karte des damaligen Deutschland, die in gut eintausend Regionen gegliedert ist. Außerdeutsche Kriegsteilnehmer wie Frankreich, Rußland oder England, aber auch Teile des Habsburger Reiches, werden hierbei durch Off-Map-Boxen repräsentiert. Insbesondere der Spieler der antipreußischen Koalition erhält auf diese Weise die Möglichkeit, Truppen und Kriegsgerät aus weiter entfernten Gebieten seines Einflußbereichs heranzuführen.

Wer über seine Gegner triumphieren will, sollte darauf bedacht sein, durch siegreiche Schlachten und die Zerstörung feindlicher Einheiten Siegpunkte zu sammeln. Von größter Bedeutung ist in dieser Hinsicht die Kontrolle über besonders wichtige Ortschaften, die in RoP als „Zielstädte“ bezeichnet werden und entweder von einer Seite unbedingt zu halten oder aber zu erobern sind.

Die Leistungen des Spielers schlagen sich in der Höhe der nationalen Moral der jeweiligen Partei nieder. Der Besitz von Moralpunkten steht für die Kriegsbereitschaft bzw. den Durchhaltewillen der eigenen Nation. Es ist ratsam, diesen Aspekt stets im Auge zu behalten, denn Erfolge lassen nicht nur die Bevölkerung jubeln, sondern haben auch Einfluß auf andere Faktoren, etwa auf die Menge verfügbarer Ressourcen (Rekruten, Geld und Kriegsgüter) oder den Zusammenhalt der im Felde stehenden Truppen. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche: Hiobsbotschaften wie der Verlust einer Großstadt oder eine vernichtende militärische Niederlage drücken gehörig auf die Stimmung und lassen zudem die personellen wie auch materiellen Kapazitäten schrumpfen.

RoP enthält insgesamt sieben Szenarien sowie drei ausführliche Tutorials. Kenner der Engine werden sich vermutlich sogleich in die große Kampagne stürzen, die mit 176 Zügen das Herzstück des Spiels darstellt. Ambitionierte Feldherren erhalten hier die Chance, das Auf und Ab des Kriegsglücks in epischer Breite zu erleben und entweder auf Seiten der Koalition Preußen niederzuwerfen oder aber dem großen Friedrich nachzueifern.

Wer mit der AGEOD-Engine und ihren Eigenheiten noch nicht vertraut ist, sollte sich jedoch zunächst die Grundlagen der Spielmechanik aneignen. Um erste Erfahrungen auf dem Schlachtfeld zu sammeln, bietet sich dann die preußische Invasion Sachsens an, da dieses Szenario aufgrund des überschaubaren Umfangs gut für Einsteiger geeignet ist. Schließlich gibt es noch kürzere Varianten des Feldzugspiels, die jeweils an einem bestimmten Zeitpunkt des Konfliktes einsetzen.

Natürlich eignet sich RoP nicht nur für ein Kräftemessen mit der KI, sondern auch vorzüglich für ein Mehrspieler-Duell über PBEM. Leider hat nur der Host der Partie die Möglichkeit, die Zugauflösung in der aus dem Einzelspielermodus bekannten Form des kontinuierlichen Ablaufs zu beobachten. Jedoch gibt es eine Replay-Funktion, mit deren Hilfe sich zumindest die Bewegung der Einheiten auf der Karte im nachhinein analysieren läßt.

Als gute Europäer bieten die Entwickler übrigens derzeit drei Sprachfassungen zur Auswahl. So läßt sich im Setup einstellen, ob man RoP auf Englisch, Französisch oder Deutsch betreiben möchte. Diesbezüglich muß ich allerdings einen kleinen Kritikpunkt anbringen: Während das deutsche Handbuch recht gut gelungen ist und keine Wünsche offen läßt, wurden bei der Übersetzung der Menüs und Tooltips im Spiel einige Passagen schlicht übersehen. Derzeit muß der Spieler mit einem deutsch-englischen Mischtext Vorlieb nehmen. Da AGEOD für guten Kundendienst bekannt ist, können wir indes die Hoffnung hegen, daß diese Ungereimtheiten durch künftige Updates beseitigt werden.

 

Bevor wir den Spielablauf von RoP etwas näher betrachten, ein paar einleitende Worte zur historischen Ausgangslage, mit der sich der PC-General im großen Feldzug konfrontiert sieht. Obgleich mir persönlich der Amerikanische Bürgerkrieg und die Napoleonische Ära als Themen näherliegen, muß ich sagen, daß RoP für beide Parteien die interessanteste und herausforderndste strategische Situation bietet, die ich bislang in einem AGEOD-Titel gesehen habe!

Insbesondere für die preußische Seite gestaltet sich die Lage überaus heikel: Im Südosten steht der Erzrivale Österreich und ist bemüht, die Herrschaft über das vormals verlorene Schlesien wiederzuerlangen. Von Osten her rückt langsam, aber sicher die berüchtigte russische „Dampfwalze“ heran und droht Ostpreußen zu überrollen. Im Westen überschreiten schon recht bald die Franzosen den Rhein, und zu allem Überfluß wird man in Deutschland als Feind des ehrwürdigen Heiligen Römischen Reiches betrachtet. Nicht zu vergessen sind schließlich die Schweden, die ebenfalls mit der Koalition im Bunde stehen und eine Bedrohung der preußischen Position in Norddeutschland darstellen. Demgegenüber kann sich Preußen nur auf England und wenige kleinere deutsche Verbündete stützen.

Man darf allerdings nicht meinen, als Spieler der Koalition hätte man ein sorgenfreies Leben. Dem historischen Vorbild gemäß ist die preußische Armee sehr schlagkräftig. Zudem wird sie von fähigen Offizieren geführt, während man in der Rolle der Verbündeten angesichts oft mittelmäßiger Kommandeure Probleme hat, seine Truppenmassen effizient zu koordinieren und die Initiative zu übernehmen. – Dies alles nur als Hinweis darauf, daß man in RoP mit abwechslungsreichen und spannenden Situationen sowie einer Vielzahl sich ständig verlagernder Brennpunkte zu rechnen hat.

 

Wenden wir uns nun der eigentlichen Spielmechanik zu! Wie immer legt AGEOD großen Wert auf die detaillierte Darstellung der militärischen Organisationen und das Management der vorhandenen Truppen. Die kleinsten militärischen Einheiten werden in der Terminologie des Spiels „Elemente“ genannt. Es handelt sich hierbei um einzelne Kompanien, Schwadronen oder Geschützbatterien. Diese tauchen aber nicht als eigenständige Verbände auf der Karte auf, sondern sind in der Regel Teil eines Bataillons. Mehrere Bataillone lassen sich wiederum in Brigaden unter Führung eines Generals zusammenfassen. Zwar ist es möglich, mit unabhängigen Brigaden zu agieren, doch letztere sind als Glieder eines Armeekorps weitaus schlagkräftiger. Die größte Organisationsform stellt dann die aus mehreren Korps bestehende Armee dar.

Der Aufbau gefechtstüchtiger Formationen ist die wohl wichtigste Aufgabe in RoP. Das ist zwar nicht über Gebühr kompliziert, dennoch gibt es einige Regeln, die sich der Spieler einprägen sollte. So müssen etwa – je nach Größe variierend – für jede Einheit Kommandokosten aufgebracht werden, was auf Seiten der Offiziere einer gewissen Anzahl von Kommandopunkten entspricht. Übersteigen die Kommandokosten der Einheiten innerhalb des Verbandes die Kommandopunkte der zugeordneten Offiziere, so ist die Leistungsfähigkeit der ganzen Truppe merklich reduziert. Hierbei ist es wichtig zu wissen, daß das Führen einer regulären Brigade oder eines Korps einen geringeren Kostenaufwand bedeutet als das Führen eines wilden Haufens mit derselben Anzahl von Einheiten.

Bei der Neubildung von Verbänden ist ebenfalls die militärische Hierarchie zu beachten. So dürfen nur 3- und 4-Sterne-Generäle das Kommando über eine ganze Armee übernehmen. Hat man mehrere qualifizierte Kandidaten zur Auswahl, entscheidet die sogenannte Seniorität (Dienstalter) darüber, wer den legitimen Anspruch auf den Posten hat. Freilich bleibt dem Spieler die Freiheit, seinen Wunschbefehlshaber einfach zu bestimmen, doch dann ist ein möglicherweise übergangener älterer General verärgert, was mit einer Kostenstrafe in Form von Moral- und Siegpunkten zu Buche schlägt.

Überhaupt ist die richtige Führung ein ausgesprochen kritischer Aspekt des Spiels. RoP bietet hunderte von Kommandeuren, die entsprechend ihrer Fähigkeiten eingesetzt werden wollen. Prinzipiell verfügt jeder Offizier über Werte in den Kategorien „Strategie“, „Offensive“ und „Defensive“. Hinzu kommen aber unter Umständen noch individuelle Charakteristika, die beileibe nicht alle von Vorteil sind. Mancher General gilt beispielsweise als übervorsichtig bis zur Ängstlichkeit, andere wiederum sind besonders rücksichtslos im Umgang mit Mensch und Material. Der preußische König hingegen ist, seinem historischen Ruf gemäß, ein legendärer Anführer mit großem Charisma und sagenhaften Führungswerten.

Zusammenfassend stellen wir fest: Der Sinn der Truppenverwaltung besteht vor allem darin, die Kommandopunkte und Eigenschaften der Offiziere möglichst effizient zu nutzen sowie die Leistungsfähigkeit der Einheiten zu optimieren. Dabei ist die ordnungsgemäße Gliederung der Verbände mit allerlei Vorteilen verbunden: Armeekommandeure beeinflussen mit ihren Werten und Spezialfähigkeiten alle Korpskommandeure innerhalb ihres Befehlsradius. Des weiteren kann die Bewegung aller Korps derselben Armee abgestimmt erfolgen. Und schließlich unterstützen sich Korps gegenseitig im Kampf, und dies je nach Lage selbst dann, wenn sie auf benachbarte Regionen verteilt sind.

Apropos Kampf: Schlachten werden automatisch berechnet, sobald sich verfeindete Truppen in einer Region begegnen und keiner der Kontrahenten den Rückzug antritt. RoP offeriert jedoch eine ganze Reihe an Optionen, mit deren Hilfe man die Bewegung sowie das generelle Verhalten seiner Truppen justieren kann. Besonders interessant sind in dieser Hinsicht die Kampfregeln, auch „Rules of Engagement“ genannt. Letztere legen beispielsweise fest, ob sich ein Verband bei Feindberührung offensiv oder defensiv verhält. Diese allgemeinen Einstellungen lassen sich dann mit speziellen Befehlen kombinieren. So kann ich die defensive Grundhaltung etwa als „Verteidigung um jeden Preis“ „Vermeidung von Kämpfen“ oder „Rückzug nach kurzem Gefecht“ genauer bestimmen.

Was die Einheiten des Spielers dann während der Ausführungsphase und hier insbesondere in der Schlacht tatsächlich tun, wird von etlichen Faktoren beeinflußt. Hier spielen neben der Befehlsvergabe unter anderem die Kommandowerte und Eigenschaften der Offiziere, Kohäsion, Mannschaftsstärke und Gefechtseffizienz eine Rolle. Man muß dazu wissen, daß in RoP jedes Element schon für sich betrachtet über eine größere Anzahl an Charakteristika wie zum Beispiel Erfahrung, Disziplin, Feuerreichweite oder Initiative verfügt.

An jedem der fünfzehn Tage, in die ein Spielzug zerfällt, kann es theoretisch zu Kampfhandlungen kommen. Hierbei sind pro Schlacht bis zu sechs Gefechtsrunden am Tag möglich, wobei jede Runde eine Stunde Realzeit simuliert. Dramatisch veranschaulicht wird das Geschehen mittels der gegenüber den Vorgängertiteln aufpolierten Gefechtsanzeige, die eine vage Vorstellung vom Ablauf der Auseinandersetzung vermittelt. Passend untermalt wird das Ganze durch stimmungsvolle Soundeffekte (Kommandorufe, Gewehrfeuer, Pferdewiehern usw.).

Informiert die Gefechtsanzeige lediglich ungefähr über das Stärkeverhältnis der Kombattanten und die Höhe der Verluste, so kann ich alle Details der Schlacht nach deren Ende im eingeblendeten Ergebnisbericht einsehen. Hier erhalte ich auch eine akribische Liste aller am Resultat beteiligten Modifikatoren, so etwa Wetterverhältnisse, Terrain, Versorgungslage, Verschanzungsgrad, eingesetzte Spezialfähigkeiten und so weiter.

Eine auffällige Innovation stellt in diesem Zusammenhang die Einführung des Rundenreports in RoP dar. Letzterer erlaubt es mir, nicht nur jede Gefechtsrunde gesondert zu analysieren, sondern dabei auch das Verhalten und das Abschneiden jedes einzelnen Verbandes und Offiziers genau zu untersuchen. Ganz allgemein läßt sich sagen, daß der Spieler nun weit mehr Feedback erhält, als dies in den älteren AGEOD-Titeln der Fall war.

Verluste im Gefecht lassen sich durch verfügbare Ersatzelemente ausgleichen. Letztere werden in einem bestimmten Rhythmus vom Programm erzeugt. Alternativ dazu kann der Spieler manuell „Depot-Bataillone“ rekrutieren, die dann nach gewisser Zeit Ersatzelemente sozusagen produzieren. Die Verteilung von Ersatz geschieht automatisch, jedoch dürfen angeschlagene Einheiten im laufenden Zug nicht bewegt werden. Depots oder befreundete Städte in der Region beschleunigen den Vorgang merklich. Damit eine Einheit überhaupt wieder aufgefüllt werden kann, ist freilich vorausgesetzt, daß auch Ersatzelemente der entsprechenden Truppengattung vorhanden sind.

Von Ersatzelementen zu unterscheiden sind Einheiten, die der Spieler selbst neu aufstellt. Im Gegensatz zu „Napoleon´s Campaigns“ ist es nämlich in RoP wieder erlaubt, Truppen auszuheben und eigenhändig neue Armeen zusammenzubasteln. Bekannt ist das Verfahren im Prinzip aus „American Civil War“, allerdings hat AGEOD diesen Aspekt für RoP erheblich überarbeitet. Eine grundlegende Änderung besteht darin, daß der Spieler nun im Rahmen bestimmter Regeln die Region auswählen darf, in der ein neues Bataillon einberufen wird. Welche Regionen zur Aufstellung der jeweiligen Einheit qualifiziert sind, hängt von Faktoren wie Bevölkerungszahl oder Infrastrukturen ab. Auch lokale Bindungen können eine Rolle spielen. Als Österreicher darf ich zum Beispiel ungarische Infanterie nur in Budapest, nicht aber in Wien herstellen.

Im Produktionsmodus lassen sich nach Nationen und Truppengattungen gesondert alle aktuell produzierbaren Einheiten aufrufen. Ein neuer Kartenfilter zeigt mir die jeweils als Standort in Frage kommenden Regionen innerhalb meines Machtbereichs an. Habe ich meine Wahl getroffen, ziehe ich das zu bauende Bataillon einfach per Drag and Drop auf eine der grün markierten Provinzen – und siehe da: eine frisch ausgehobene Einheit erscheint direkt auf der Karte. Jedoch handelt es sich dabei noch längst nicht um einen einsatzfähigen Verband. Es dauert nämlich einige Spielzüge, bis die volle Mannschaftsstärke erreicht ist.

Beeinflussen läßt sich die Produktion mittels der vom Spielsystem angebotenen militärischen Optionen. Letztere erlauben gegen entsprechenden Aufwand an Ressourcen das Hinzufügen von Einheiten zum Truppenpool. Dieses Angebot ist besonders interessant, wenn ich beispielsweise dringend eine Abteilung Feldartillerie benötige, aber das ursprüngliche Kontingent dieser Truppengattung bereits erschöpft ist. Am wichtigsten ist meines Erachtens aber der Umstand, daß mittels der militärischen Optionen auch neue Offiziere aktiviert werden können. Zwar erscheinen hin und wieder Kommandeure per Skript auf der Karte, doch kann hierbei keineswegs von einer Fließbandproduktion die Rede sein.
Wenden wir uns nun der Logistik zu. Die Fähigkeit, eine im Feld stehende Armee zu ernähren und zu erhalten, ist nämlich in RoP von enormer Bedeutung. Vor allem die größeren Städte generieren Versorgungsgüter (Nachschub und Munition), die dann über das Verkehrsnetz bis an die Front gelangen. Dieser Punkt wird komplett vom Programm übernommen und erfordert keinerlei Mikromanagement von Seiten des Spielers. Dennoch ist insbesondere im feindlichen Gelände peinlichst auf den Versorgungsgrad der Einheiten zu achten, denn die eigene Partei muß an ihrem Aufenthaltsort über einen gewissen Prozentsatz an militärischer Kontrolle verfügen, damit die Region mit Nachschub beliefert wird. Hier ist es ratsam, hin und wieder die praktische Nachschubanzeige zu verwenden, um die Ausdehnung des eigenen Versorgungsnetzes sowie Lagerungs- bzw. Produktionsstätten zu überprüfen.

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Bau von Nachschubkarren, die man dann einer Armee oder einem Korps direkt mit auf den Weg geben kann. Des weiteren ist der Bau von Depots möglich, um Lücken im Versorgungssystem zu schließen. Aber Vorsicht: Depots können vom Feind erobert oder zerstört werden. Vor allem sehr bewegliche Verbände, etwa kleine unabhängige Kavallerietrupps, eignen sich gut für Störaktionen hinter den feindlichen Linien. Wer hier nicht aufpaßt, stellt möglicherweise irgendwann mit Bestürzung fest, daß seine Armee keine Verbindungslinie mehr zum eigenen Territorium besitzt. Unversorgte Truppen büßen aber gehörig an Effektivität ein und leiden zudem an erhöhtem Schwund durch Verschleiß.

Auch lange Gewaltmärsche, unwegsames Gelände und unwirtliches Wetter können derartige Abnutzungsverluste hervorrufen. Dieser Aspekt wird in RoP sehr realistisch simuliert. So ist es zum Beispiel ratsam, während der Wintermonate auf ausgedehnte Manöver zu verzichten, denn insbesondere in verschneiten Regionen können Verschleißverluste die Kampfstärke einer Armee stark beeinträchtigen. Den technischen Gegebenheiten und der Kriegsführung des 18. Jahrhunderts gemäß sollten offensive Maßnahmen und längere Feldzüge daher vor allem in der Zeit von März bis Oktober durchgeführt werden.

Es würde zu weit führen, hier alle Facetten des Spielsystems aufzulisten. Bevor ich noch ein Wort zur Steuerung anbringe und dann abschließend zur Wertung komme, sei aber noch auf eine weitere Neuerung in RoP hingewiesen. Das bereits aus den älteren Titeln bekannte Feature der im Stil von Zeitungsberichten dargebotenen historischen Ereignisse wurde um eine Variante bereichert. Der Spieler erhält jetzt zudem die Möglichkeit, im Multiple Choice-Verfahren angesichts bestimmter Situationen zwischen alternativen militärischen oder politischen Optionen zu wählen. So darf ich zum Beispiel als preußischer Spieler nach Kriegseintritt Frankreichs entscheiden, ob ich die Festung Wesel aufgrund ihrer gefährdeten Position lieber aufgeben, im aktuellen Zustand belassen oder aber mit weiteren Truppen verstärken will. Das Event-System, das bisher eher dazu diente, den Spielablauf mit etwas geschichtlichem Flair zu würzen, erhält auf diese Weise mehr Bedeutung für die Vorgehensweise des Spielers.

Vom neuartigen Produktionsmodus abgesehen haben die Entwickler am bewährten und recht einfach zu handhabenden Interface der Vorgänger nichts Wesentliches geändert. Dasselbe gilt für die Präsentation: Einheiten werden in AGEOD-typischer Manier als hübsche, aufgrund ihres „Sockels“ auch ein wenig an Schachfiguren erinnernde Portraits dargeboten, lassen sich aber auch wahlweise in der Form von 3D-Modellen anzeigen. Die Karte ist in Stufen zoombar und wirkt hinsichtlich der Landschaftsdarstellung wie handgemalt. Es gibt diverse Filter, mittels derer sich der Grad der militärischen Kontrolle, die Loyalität der Bevölkerung, die nationale Zugehörigkeit oder der Nachschublevel für jede Region visualisieren läßt. Sehr schön gelungen ist übrigens auch die musikalische Begleitung: Neben schmissiger Marschmusik ertönen Kompositionen von bekannten Musikern der damaligen Zeit, unter anderem Stücke von Haydn, Händel oder Telemann.

Die Steuerungselemente sind übersichtlich angeordnet und alle wichtigen Funktionen ohne größere Umstände erreichbar. Mit Hilfe der Einheitenleiste habe ich stets alle relevanten Informationen zum angewählten Verband sowie das in Registerkarten unterteilte Befehlsmenü im Blick. Im sogenannten „Hauptbuch“ kann ich alle verfügbaren Einheiten und Offiziere nach verschiedenen Kriterien sortieren und darüber hinaus den aktuellen Spielstand, eine Liste aller Zielobjekte, die verfügbaren Ersatzmannschaften sowie die militärischen und diplomatischen Optionen einsehen.

Ein wichtiges Instrument der Spielkontrolle stellt der Nachrichtenverlauf dar, der zu Beginn einer neuen Runde alle Ereignisse des letzten Zuges aufführt und diese bei Bedarf nach Kategorien ordnet. Auf diese Weise wird verhindert, daß dem Spieler die Ankunft von Einheiten an ihrem Bestimmungsort, Gebietsgewinne oder -verluste und andere bedeutsame Vorgänge schlicht entgehen. Selbstverständlich besteht auch die Möglichkeit, sämtliche Gefechtsberichte einzusehen und in Ruhe zu studieren. Eine kleine, aber feine Verbesserung der Navigation stellen die Banner am rechten Bildrand dar, mit deren Hilfe ich die Karte jederzeit auf die Oberbefehlshaber meiner Armeen zentrieren kann.

Ähnlich unkompliziert wie das Interface gestaltet sich die Steuerung militärischer Einheiten. Will ich einen Bewegungsbefehl erteilen, so ziehe ich einfach den gewählten Verband auf den gewünschten Zielort. Das Spielsystem informiert mich hierbei über die Route sowie die vermutliche Reisedauer. Auch die Armeeverwaltung läßt sich mühelos bewältigen. In derselben Region befindliche Einheiten kann ich per Drag and Drop aus ihren Verbänden herauslösen und neu gruppieren. Ergeben sich hierbei Schwierigkeiten, weil ich im Übereifer Regelverstöße begehe, helfen praktische Tooltips weiter und gemahnen mich an bestehende Einschränkungen beim Organisieren meiner Verbände.

Wie schon am Umfang dieses Berichts ersichtlich ist, zeigt sich der Tester von RoP begeistert. Das Programm bietet ein anspruchsvolles und auf lange Sicht motivierendes Spielerlebnis, ohne den geneigten PC-Strategen mit einem Übermaß an Arbeitsaufwand zu erdrücken. Denn aufgrund der weitgehenden Automatisierung vieler Routinevorgänge wird der Spieler trotz einer Unzahl berücksichtigter Parameter keineswegs in eine Hölle des Mikromanagements geführt.

Dank einer durchaus passablen Künstlichen Intelligenz, die immer wieder mit interessanten Winkelzügen zu überraschen weiß, ist RoP auch für hartnäckige Solisten geeignet. Allerdings muß man manchmal etwas Geduld aufbringen, bis der Computergegner sich zu konsequenten Offensiven gegen Zielobjekte bequemt, anstatt seine Truppen zu zerstreuen oder selbige auch im tiefsten Winter über die Karte spazieren zu führen. Trotz solch milderer Formen von Verhaltensauffälligkeit ist die KI aber meines Erachtens sehr wohl in der Lage, sich insbesondere in der Rolle der antipreußischen Koalition wacker gegen einen menschlichen Spieler zu schlagen.

Schließlich bleibt noch zu vermelden, daß sich RoP in der aktuellen Verkaufsversion sehr stabil verhält und mir im Testlauf keinen schwerwiegenden Bugs, die den Spielspaß erheblich trüben würden, untergekommen sind. Allerdings will ich auch nicht die Existenz der ein oder anderen kleineren Ungereimtheit leugnen. Indes werkeln die Entwickler bereits an einem ersten Update, das unter anderem Fehler im Event-System und Patzer beim Szenario-Design beheben soll.

 

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